VATICAN-magazin

Editorial

Die Sphinx hat zugebissen

von Guido Horst

Am Morgen hatte Papst Franziskus seine Ansprache an die römische Kurie losgelassen, eine ausgearbeitete Darlegung über die Aufgaben des Vatikans und seiner Mitarbeiter als petrinisches Diakonat, über den Dienst der Kurie „ad extra“, nach Außen. Aber Franziskus wäre nicht Franziskus, wenn er nicht wieder ordentlich ausgeteilt hätte – was dann auch das überwiegende Medienecho war. So sprach der Papst von der Gefahr, die von denjenigen ausgehe, die – O-Ton – „Vertrauen missbrauchen oder die Mütterlichkeit der Kirche ausnutzen, beziehungsweise die Personen, die sorgfältig dazu ausgewählt wurden, um dem Leib der Kirche und ihrer Reform mehr Kraft zu geben, die sich aber dadurch, dass sie die Größe ihrer Verantwortung nicht verstehen, von Ambitionen oder Eitelkeiten korrumpieren lassen und sich selbst, wenn sie dann sanft entfernt werden, fälschlicherweise zu Märtyrern des Systems erklären, des nicht ,informierten Papstes', der ,alten Garde‘…, anstatt ihr ,Mea culpa’ zu sprechen. Neben diesen Personen gibt es dann auch andere, die in der Kurie noch tätig sind, denen man alle Zeit gibt, wieder den rechten Weg aufzunehmen, in der Hoffnung, dass sie in der Geduld der Kirche eine Gelegenheit finden, sich zu bekehren und nicht um sich einen Vorteil zu verschaffen.“ An wen Franziskus da wohl gedacht haben mag...? An welche „Entfernten“ und an welche anderen, denen man noch eine Gnadenfrist gewährt?

Das war wie gesagt am Morgen des 21. Dezembers. Am Abend des gleichen Tags veröffentlichte dann die italienische Zeitschrift „L’Espresso“ die Ergebnisse einer Untersuchung, die der argentinische Bischof Jorge Pedro Casaretto im Auftrag des Papstes in der Diözese Tegucigalpa vorgenommen hat. An der Spitze dieses Bistums in Honduras steht ein Kardinal, der nicht nur ein Vertrauter von Franziskus ist, sondern in Rom auch den Rat der neun Kardinäle koordiniert, die den Papst bei der Reform der Kurie beraten: Óscar Andrés Kardinal Rodríguez Maradiaga. Dieser ist Salesianer wie der ehemalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Und laut „L’Espresso“ kam nun ans Tageslicht, dass Maradiaga in ziemlich undurchsichtige Finanzgeschäfte verwickelt ist. Er, der sich gerne als Freund der Armen und Papstversteher gibt, soll seit Jahren auf der Gehaltsliste der Katholischen Universität von Tegucigalpa stehen, von der er ein monatliches Salär von 35.000 Euro erhält, im Dezember als Gratifikation auch mal 54.000, insgesamt also fast eine Million, was dem Kardinal die Möglichkeit gab, bei einer Londoner Finanzgesellschaft und anderen Geldinstituten zu investieren, wobei dann aber große Summen verschwunden sind. Eine schlechtes Licht fällt auch auf Maradiagas Vertrauten, Weihbischof Juan José Pineda von Tegucigalpa, der in seinen Finanzgebaren sogar noch ungehemmter war. Aber, so mag man meinen, ist das nicht alles schmutzige Wäsche, bei der man sich fragt, ob sie denn öffentlich gewaschen werden muss.

Nun, es war Franziskus, der nicht nur in seiner jüngsten Kurienansprache zu Weihnachten schmutzige Wäsche aus dem Vatikan öffentlich gewaschen hat. Oder versucht hat, sie zu waschen. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Und es sieht im Fall Maradiaga ganz so aus, als habe in diesem Fall die ägyptische Sphinx zugebissen und die Zahnbürste zermalmt, mit der Papst Franziskus die Kurie reinigen und reformieren wollte. Schöne Bescherung!


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