„Weh mir wenn ich das Evangelium nicht verkünde”!

Die Predigt von Walter Kardinal Brandmüller am 8. Februar 2015 bei einer heiligen Messe am Petrusgrab mit den Teilnehmern des jüngsten informellen Journalistentreffens des Vatican-magazins.

Journalistentreffen 2015

 Es geht – wie so oft – auch in diesem 9. Kapitel des 1. Korintherbriefes ums Geld – genauer – sagen wir es in heutigen Begriffen – um die Klerusbesoldung. Paulus begründet, verteidigt das Recht der Boten des Evangeliums auf Unterhalt durch die Gemeinde: „Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von ihrer Milch? Wenn wir für euch die Geistesgaben gesät haben, ist es dann zuviel, wenn wir von euch irdische Gaben ernten?“ „Ich aber“ – fährt er fort – „habe all das nicht in Anspruch genommen.“ Und warum? Ein Zwang liegt auf mir – Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

Wie des Öfteren, wenn er polemisch wird, sich verteidigen muss, gibt Paulus auch hier Einblick in sein Lebensverständnis als Apostel.

I

Es ist offenkundig: der Zwang, der ihn zur Verkündigung treibt, ergab sich aus seinem Erlebnis von Damaskus. Von diesem Augenblick an drängt es ihn, Christus zu verkünden. Einige Tage nach seiner Taufe – heißt es in der Apostelgeschichte – blieb er bei den Jüngern in Damaskus, und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: „Er ist der Sohn Gottes“.

Das Erlebnis seiner Begegnung mit dem verherrlichten Herrn hatte ihn zutiefst aufgewühlt: Es treibt ihn, über Land und Meer von Israel über die Türkei, nach Griechenland, Italien bis Spanien. Er muss mitteilen, verkünden, was er mit diesem Jesus, den er verfolgt hatte, erlebt hat. „Ein Zwang liegt auf mir“. „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“, denn es sollen ja alle durch den Glauben an jenen κύριος, dem er vor Damaskus begegnet ist, ewiges Heil erlangen.

Da nun spielt die Frage „Was ist nun mein Lohn“ für Paulus keine Rolle mehr.

Ganz anders hatte Petrus einst gefragt: Meister, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns dafür zuteil werden? Erstaunlich, dass Jesus darauf eingegangen ist und ihm jenes große Versprechen gegeben hat: Hundertfach wird er das Verlassene erhalten und das ewige Leben dazu!

Paulus hingegen stellt sich diese Frage und beantwortet sie selbst: Mein Lohn ist, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde – von der Gemeinde will er dafür nichts.

II

Nun, all das galt für den Apostel der Völker, das gilt wohl auch für die Nachfolger der Apostel und ihre Helfer, die Priester. Für sie alle ist das Mit-teilen, die Verkündigung der Botschaft vom Heil in Christus, eigentliche Raison d’être, eigentlicher Lebensinhalt. Dazu sind sie geweiht und gesandt.

Aber, es geht bei diesem Auftrag zur Verkündigung nicht nur um die durch Weihe und Sendung übertragene Vollmacht zur Predigt des Evangeliums. Diese ist in der Tat Sache der Bischöfe und ihrer Priester, allenfalls der Diakone. Die von diesen empfangene Botschaft bedarf aber der Weitergabe durch jeden, der sie gehört hat und von ihr ergriffen wurde.

Es ist das Sakrament der Firmung, durch das jeder Christ zum Zeugen des Evangeliums bestellt wird. Es ist nicht in des Einzelnen Belieben gestellt, ob er diesem Auftrag entsprechen will, er ist gesandt – und – wer immer von der Gewissheit erfüllt ist, dass er in Christus sein zeitliches und ewiges Heil gefunden hat – kann er diese beglückende Erfahrung für sich behalten? Darf er es?

Alle reden heute von Neuevangelisierung. Man gründet einen eigenen päpstlichen Rat, der diese ins Werk setzen soll. Man überlegt Public-relations-Strategien, Aktionsprogramme – na ja!

Aber wird das Klappern des kirchlichen Apparats die Schlafenden wecken? Die Aufmerksamkeit der Vielen auf die Botschaft Christi lenken?

Werfen wir doch einen nüchternen realistischen Blick auf die soziale-kulturelle Landschaft unserer Tage! Mancher wird da resignierend sagen, wir seien bereits in eine postchristliche Phase der Geschichte eingetreten.

Nein, sage ich. Wir befinden uns vielmehr erneut in einer praechristlichen, einer vorchristlichen, einer vorkonstantinischen Situation, und so wie damals gilt es heute aufs Neue, dem Evangelium den Weg zu bereiten.

Das aber kann heute nicht anders denn damals geschehen. Der einzige Weg, den das Evangelium von der Rettung der Welt und dem kommenden Gottesreich hinein in die Welt von heute und morgen nehmen kann, ist nach wie vor von Mensch zu Mensch. Vom Bruder zum Bruder, vom Freund zum Freund und schließlich von Dorf zu Dorf ist damals der Funke übergesprungen, und daraus wurde die weltumspannende una sancta catholica et apostoloca Ecclesia.

III

Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! Was bedeutet das für Sie, meine Damen und Herren, die Sie der Schreibenden Zunft zugehören?

Nun, zunächst einmal: kein Mensch, und auch nicht der Liebe Gott, wird von Ihnen erwarten, dass Sie Ihren Lohn darin erblicken, wie Paulus unentgeltlich zu verkünden!

Nun, verkünden mochte er ja unentgeltlich – aber mit seinem Zeltmacherhandwerk – σκηνοποιóς war er – musste er doch sein Brot verdienen. Unabhängig war er dadurch. Aber für den Journalisten von heute ist Unabhängigkeit ein mit Problemen schwer beladener Begriff. Das wissen Sie alla aus manchmal leidvoller Erfahrung. Zwischen der Redaktionslinie bzw. jener des Herausgebers, der Eigentümer und dem Gewissen dessen, der da zu schreiben hat, verläuft doch ein schmaler, oft allzu schmaler Grat. Und eine Gratwanderung ist allemal kein Spaziergang.

Wir denken an Fritz Gerlich, dessen „Gerader Weg“ ihn in Kerker und Tod geführt hat. Man darf sehr wohl darum beten, dass einem eine solche Prüfung erspart bleibt.

Dann aber fährt der Apostel fort: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.“

Es war wohl derselbe Impuls, der den heiligen François de Sales bei seinem umfangreichen schriftstellerischen Werk inspirierte. Deshalb wurde er zum himmlischen Patron der schreibenden Zunft erwählt. Im Tagesgebet seines Festes heißt es denn auch, Gott habe ihm die Gnade gegeben, allen alles zu werden.

Was aber heißt das? Anpassung an den Mainstream? Gewiss nicht! Wohl aber das, was wahr und gut ist, so zu sagen, dass es den Leser in je seiner Lebenslage erreichen und ihm nützen kann.

Natürlich kann es hierbei nicht um Verkündigung des Evangeliums gehen – wenigstens nicht im eigentlichen Sinn. Benedikt XVI. hat jedoch, als er von der Neuevangelisierung sprach, den Begriff des „Vorhofes der Heiden“ ins Spiel gebracht, und damit auch den Bereich bezeichnet, in dem sich Ihre berufliche Tätigkeit entfaltet. In diesem Vorhof des Tempels – und darauf spielt er an ­– durften sich auch Nichtjuden aufhalten, denen sonst der Zutritt zum heiligen Bezirk verwahrt war.

Sagen wir einmal: es war dies ein Bereich – profan zwar, aber doch geöffnet hier auf den heiligen Bezirk. Das, meine ich, könnte ein Bild für jene Bereiche der Kultur sein, die, dem Wahren, Guten, Schönen verpflichtet, sich dem Heiligen wenigstens nicht a limine verschließen. Was immer in diesem Sinne gesagt, geschrieben, getan wird, bereitet, lockert, düngt das Erdreich, in das dann die Saat des Evangeliums gesenkt werden kann.

Bedenken wir, wie sehr ausgetrocknet, verhärtet, vergiftet dieser Boden ist, dann wird klar, welch eine Aufgabe Ihnen im Sinne der Neuevangelisierung namentlich der sogenannten Alten Welt zukommt.

IV

Paulus schließt diesen Briefabschnitt mit der Bemerkung ab, er tue all dies, damit er am Evangelium Anteil erhalte, d. h. dass die Botschaft vom Heil in Christus auch für ihn sich erfülle.

Diese Aussicht mag auch uns, die wir – jeder auf seine Weise – wie der Apostel der Verkündigung dienen, immer wieder aufrichten und anspornen.