Men in black

León erwartet den Papst. Zum ersten Mal besucht Benedikt XVI. ein spanischsprachiges Land Lateinamerikas. Seine Wahl fiel auf die mexikanische Provinz - auch wenn León die "Welthauptstadt des Leders und der Schuhmode" ist. Aber bevor der "Mann in Weiß" Schwung in die Bude bringt, hat man es als Schreiberling mit den Herren im dunklen Anzuf zu tun.

Ich bin jetzt seit zwei Tagen in Mexiko - und ich habe das Gefühl, der Einzige zu sein, der arbeitet. Ich will's nicht sehr hochhängen: Drei Artikel für "Die Tagespost" und einen abschließenden Kommentar - ich will mich nur ein wenig umschauen beim Papstbesuch und dazu etwas schreiben. Kein Aktivismus mit Schweiß auf der Stirn, nur der normale Job. Aber liegt es vielleicht daran, Deutscher zu sein, Effizienz zu schätzen - so dass einem auffällt, dass um einen herum nicht viel Produktives geschieht?

Der Mexikaner liegt nicht unter seinem Sombrero, mit Patronengurt und Poncho, und träufelt sich Tequila ein. Nein, der Mexikaner trägt einen schicken dunklen Anzug, blitzblanke Schuhe, eine perfekte Frisur - und steht rum. Zumindest da, wo ich ihn heute erleben konne: im Pressezentrum der mexikanischen Bischöfe für den Papstbesuch, das sich in einem Nobelhotel in León einquartiert hatte. Normalerweise dauert es fünf Minuten, um sich den Presseausweis abzuholen, man hat ja die nötigen Unterlagen für die Akkreditierung schon vorausgeschickt. Und normalerweise fingert einem eine freundliche Dame den Ausweis schnell aus irgendwelchen Karteikästen heraus. Ich brauchte dafür heute zweieinhalb Stunden. Eine Stunde Schlange stehen, um mir von einem Herrn im schicken dunklen Anzug sagen zu lassen, dass meine Unterlagen eingetroffen seien. Eine weitere Stunde in einer anderen Schlange stehen, um das für den Ausweis benötigte Datenpapier von einem Herrn im schicken diúnklen Anzuf ausdrucken zu lassen. Und der dritte Herr im schicken dunklen Anzug brauchte dann nur noch eine halbe Stunde, um aus diesem Papier und einer Plastikhülle den Presseausweis zu basteln.

Normalerweise hat ein Pressezentrum einen Tag vor der Ankunft des Papstes seine Arbeit voll aufgenommen. Als ich dann vor den Türen dieses Schaltzentrale der Berichterstattung über einen Papstbesuch stand, waren diese noch zu. Herren im schicken dunklen Anzug kamen schließlich und brachten Tische und Klappstühle herbei. Von Fernsehen und Internet keine Rede. Man begann gerade, sich auf den Journalistenansturm vorzubereiten. Ich gesellte mich zu der Horde von etwa einem Dutzend Angestellten des Nobelhotels, die in ihren schicken dunklen Anzügen vor dem Eingang standen und das taten, was auch ich in diesem Augenblick nur tun konnte: nichts. Und ich rauchte eine Zigarette.

So ist das immer, bevor es bei einem Papstbesuch richtig los geht: Sich anpassen an die Umgebung und die Menschen vor Ort, das ist jetzt im mexikanischen León nicht anders als in Berlin, Prag oder Paris. Nur eben ganz anders. Draußen begrüßen auf den Schnellstraßen Riesenplakate "el jefe del estado vaticano", den "Chef des Vatikanstaats". Sehr herzlich, aber auch streng säkular, wie das im offiziellen Mexiko so üblich ist. Warten auf Godot - nein, sorry: Warten auf Papst Benedikt. Nach all den dunklen Herren freue ich mich auf den Mann in Weiß.


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