Man in white

Müde muss er sein, der Heilige Vater, die Zeitverschiebung wird im in Mexiko zu schaffen machen. Aber die Jugend in León und Guanajuato hat ihn mit einer solchen Begeisterung begrüßt, dass das mehr wirkt als jedes Aufputschmittel.

Eben ist Benedikt XVI. in seinem Papamobil an mir vorbeigefahren - wie muss er sich gefühlt haben? Es war kurz nach sechs am späten Samstagnachmittag, seine innere Uhr stand aber bereits auf 2.30 nachts. So ging es mir vor drei Tagen und ich muss sagen, er sah eben besser aus als ich nach der ersten zeitverschobenen Nacht. Der Papst ist jedenfalls da, die Zeit der Vorbereitung ist vorbei, die Männer in den dunklen Anzügen haben Platz gemacht für unzählige meist junge Menschen, die die Straßen säumen, wenn der Papst vorüber fährt. Gestern in León sollen es siebenhunderttausend gewesen sein, die auf dem Weg vom Flughafen zu der Schule "Colegio Miraflores", wo der Gast aus Rom übernachtet, "Spalier bildeten". Mit Gesängen, Sprechchören, Plakaten, Fahnen und Fähnchen, nie zu Ruhe kommend, immer quirlig und lebendig. Heute dasselbe in Guanajuato, einer Stadt genau in der geografischen Mitte Mexikos, wo schon vor der Zeit der Kolonialisierung Gold und Silber abgebaut wurden. Die spanischen Eroberer haben Guanajuato dann ausgebaut und der koloniale Baustil ist der Stadt erhalten geblieben. Ein ziemlicher Kontrast zu der Industrie- und Wirtschaftsmetropole León.

Abgesehen von den Grußworten am Freitag am Flughafen hat Benedikt XVI. hier heute seine erste Ansprache auf mexikanischem Boden gehalten - und zwar wandte er sich an die Kinder des Landes, die reichlich auf dem "Platz des Friedens" neben der Marienbasilika von Guanajuato standen und dem Heiligen Vater zujubelten. Der Papst sprach vom Balkon einer Residenz aus, wo er zuvor kurz mit dem Präsidenten Mexikos zusammengetroffen war. Ansonsten hatte er heute frei. Am morgigen Sonntag findet dann eine große Messe unter freiem Himmel auf dem Gelände einer Weltausstellung zwischen León und Guanajuato statt.

Viel passiert ist also noch nicht, aber ich habe zwei Tage mit Hunderttausenden von Jugendlichen Mexikos erlebt, die einfach nur warteten - das aber mit einem unglaublichen Enthusiasmus. Singend, Fahnen schwenkend, ausgelassen und fröhlich. Ich habe natürlich nicht alle siebenhunderttausend gesehen, die dort gewesen sein sollen. Aber gestern habe ich mir die Mühe gemacht, den Weg des Papamobils in León zu seiner Residenz abzulaufen, um einfach mal dieses Volk zu erleben. (Heute habe ich mir dann das Pflaster für die Blasen an den Füßen gekauft.) Ich möchte mal von einer Symbiose sprechen. Die Menschen in Mexiko erwarten sich vom Papst ein Wort der Ermutigung, auch des Trostes, einen Aufruf zum Frieden und inneren Zusammenhalt, den das von einem Drogenkrieg gezeichnete Land gut gebrauchen kann. Aber diese - wie ich schon sagte meist jungen - Menschen gegen dem Papst auch etwas zurück: ihre Freude und Begeisterung. Trotz seiner Müdigkeit konnte man das dem Benedikt heute richtig anmerken. Und ich gönne es ihm.


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