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Reliquien 4/2012

Am Ende gab er alles, sogar sein letztes Hemd

Mit Jesus auf Tuchfühlung: In Trier beginnt wieder eine Heilig-Rock-Wallfahrt

 

von Bischof Stephan Ackermann

 

Es war eine fromme Rebellion, die zur ersten Heilig-Rock-Wallfahrt der Geschichte führte. Sie ereignete sich am 3. Mai des Jahres 1512. Den Anlass dazu gab Kaiser Maximilian I., der zum Reichstag in Trier weilte und den Trierer Erzbischof Richard von Greiffenklau samt Domkapitel gegen ihren Willen dazu nötigte, ihm die Reliquie der Tunika Christi zu zeigen. Offensichtlich wusste der Kaiser um die Tradition, derzufolge im Trierer Dom das Gewand Jesu aufbewahrt wird, von dem der Passionsbericht des Johannes spricht (19,23f). Nach dem Zeugnis des vierten Evangelisten zerschnitten die Soldaten, die unter dem Kreuz die letzten Habseligkeiten Jesu unter sich aufteilten, sein Untergewand nicht in verschiedene Stücke, sondern sie losten darum. Denn es war ohne Naht in einem Stück gewebt. Deshalb ließen es die Soldaten ganz.
Nach der Trierer Überlieferung war es Helena, die Mutter Konstantins, die nach ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land das nahtlose Gewand des Erlösers zusammen mit anderen kostbaren Reliquien der Kirche von Trier schenkte. Schließlich kannte sie die junge Christengemeinde aus den Jahren, in denen ihr Sohn nach seiner Ausrufung zum Kaiser in Trier residierte (306-316 n. Chr.). Ja, sogar einen Teil ihres Palastes soll sie dem damaligen Bischof Agritius überlassen haben, damit an dieser Stelle eine Bischofskirche erbaut werden konnte. Mögen diese Angaben zwar späterer Legendenbildung entstammen, so besitzen sie doch einen historischen Kern: Archäologische Grabungen des letzten Jahrhunderts haben bewiesen, dass dem Dom ein Palastgebäude vorausging, in dem sich ein Festsaal mit einer prunkvollen Deckenmalerei befand. Man kann die in mühsamster Arbeit zusammengesetzte und restaurierte Decke heute im Museum am Dom bewundern.
Historisch sicher greifbar wird die Heilig-Rock-Tradition erst Jahrhunderte später: Nach einer ersten Erwähnung in den „Gesta Treverorum“ stellt der 1. Mai 1196 ein markantes Datum dar. Es ist der Tag, an dem Erzbischof Johann I. den Hauptaltar im neu erbauten Ostchor konsekrierte und dabei den Heiligen Rock in den Altar einschloss. Die Heilig-Rock-Wallfahrt von 1996 nahm auf dieses Datum Bezug.
Mehr als dreihundert Jahre lang ruhte die Reliquie dann vermauert im Altar bis zu jenem Mittwoch in der Osterwoche des Jahres 1512, als auf Drängen des Kaisers ein Kleriker in den romanischen Steinaltar kriechen musste und zwei Reliquienkästen zum Vorschein brachte. Zwar geschah dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit, doch muss sich die Kunde davon unaufhaltsam verbreitet haben, so dass am 3. Mai nach einer Messe für die verstorbene Gemahlin des Kaisers die Menschen lautstark danach verlangten, die Tunika Christi zu sehen. Darauf war der Erzbischof nicht vorbereitet. Den Gläubigen wurde daher zunächst der Heilige Rock nur als zusammengefaltetes Stoffbündel gezeigt, worauf die Menge noch energischer darauf bestand, die Reliquie ausgebreitet zu sehen. So wurde eine große öffentliche Zeigung für den 30. Juni angekündigt. Nach einem zeitgenössischen Bericht sollen an diesem Tag achtzigtausend Menschen zusammengekommen sein. Diese Ereignisse jähren sich 2012 zum fünfhundertsten Mal. Für meinen Amtsvorgänger als Trierer Bischof, Kardinal Reinhard Marx, war das Anlass genug, eine Wallfahrt für dieses Jahr auszurufen. Zu Recht. Ich habe nun die Freude, dieser Wallfahrt vorzustehen.
Wie steht es aber eigentlich um die Echtheit der Tunika? Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, dass die Trierer Reliquie identisch ist mit dem Gewand, das Jesus hier auf Erden getragen hat und um das die Soldaten gelost haben. Doch kann auch niemand mit Sicherheit das Gegenteil behaupten. Deshalb ist aber auch niemand verpflichtet, die Reliquie als historisch echt anzusehen. Das haben schon meine Vorgänger, die zu den letzten beiden Wallfahrten in den Jahren 1959 und 1996 eingeladen hatten, betont.
Doch schauen wir noch einmal auf die Situation des Jahres 1512: Man kann sich leicht vorstellen, dass der Stoff durch die Jahrhunderte hindurch gelitten hatte. Das zunächst gezeigte Stoffbündel war wahrscheinlich nicht besonders ansehnlich. Deshalb gehen die Textilexpertinnen, die den Heiligen Rock im Jahr 1973 eingehend untersucht haben, davon aus, dass man die Reliquie anlässlich ihrer ersten Zeigung in die Form einer liturgischen Tunika des sechzehnten Jahrhunderts gebracht hat. Sie ist das, was wir heute als den „Heiligen Rock“ sehen. In ihn sind die ältesten Teile der Reliquie eingenäht. Sie finden sich in der Innenseite des Rückenteils. Die textilarchäologischen Untersuchungen haben ergeben, dass sich dort Reste eines verfilzten Wollgewebes nachweisen lassen, das durchaus in die Zeit der Antike zurückreichen kann. Für ihre Kostbarkeit spricht, dass man diese Gewebeteile schon im Frühmittelalter mit einer orientalischen Seide umhüllte. Man war sich also der Besonderheit des Stoffes wohl bewusst.
Durch seine Verehrung und die Bemühungen, ihn zu bewahren und zu schützen, ist der Heilige Rock durch die Jahrhunderte hindurch Schicht um Schicht „gewachsen“. Konkret heißt das: Durch die umgebenden Hüllstoffe ist der Heilige Rock dicker geworden. Seine älteste Schicht liegt in der Mitte. Daher kann man das, was wir heute von außen sehen, als ein „Reliquiar aus Tuch“ bezeichnen. Experten nennen dies ein „redendes Reliquiar“, weil es in seiner Form das darstellen will, was es in sich birgt. Ähnliches gilt ja etwa auch für Kopf- oder Armreliquiare, die in ihrer Formgebung auf ihren Inhalt hinweisen. Prälat Georg Bätzing, der Leiter der aktuellen Wallfahrt, hat den Vergleich mit den Ikonen der Ostkirche ins Spiel gebracht, die viel mehr sind als „bloße“ Bilder. Auch der Heilige Rock ist gleichsam eine „Ikone“: Von gläubigen Menschen vieler Jahrhunderte verehrt, verweist und führt er uns zu Christus.
Genau dazu will auch die aktuelle Wallfahrt einladen. Sie ist eine Christus-Wallfahrt. Der Heilige Rock ist dabei der sinnenfällige Anziehungspunkt. Gerade in seiner brüchigen Beschaffenheit verweist er auf den Gottessohn, der unter uns Mensch geworden ist, der verletzlich war, der sich wie wir durch Kleidung bedecken und schützen musste und der am Ende alles hergegeben hat, selbst sein „letztes Hemd“. So ist das schlichte Gewand auch Zeichen der Entäußerung dessen, der „Gott gleich war, aber nicht daran festhielt wie Gott zu sein“ (Phil 2,6). Der Heilige Rock ist Zeichen der Solidarität gerade auch mit den Armen und mit all denen, die erniedrigt und ihrer Würde beraubt werden – bis heute.
In ganz besonderer Weise ist das nahtlose und unzerteilte Gewand Jesu seit den ersten christlichen Jahrhunderten das Symbol für die Einheit der Christen und Mahnung, sich nach Kräften um sie zu mühen. Der große Kirchenlehrer Athanasius von Alexandrien, der in der Auseinandersetzung um die Irrlehre des Arius von Kaiser Konstantin nach Trier verbannt wurde, schreibt in dem Osterfestbrief, den er im Jahr 337 den Gläubigen seiner ägyptischen Heimat schickt: Arius, der die Wesensgleichheit des Sohnes mit Gott, dem Vater, ablehne, habe den „untrennbaren Rock Gottes“ zerteilt. Schon die Kirchenväter wussten also sehr wohl, wie bedroht die vom Herrn gewollte Einheit der Kirche ist. Doch sie waren sich auch gewiss, dass die eigentliche Einheit der Kirche „von oben her gewebt“ ist, das heißt: Sie stammt von Gott selbst und ist damit letztlich unzerstörbar.
Auch den Protagonisten der ersten Heilig-Rock-Zeigung im Jahr 1512 war die Einheitssymbolik der Tunika bewusst. Das ist uns aus einer „geradezu geschichtsträchtigen Situation“ (F. Ronig) bezeugt: Als sich 1521 auf dem Reichstag von Worms abzeichnete, dass alle Bemühungen, Martin Luther zu einem Widerruf seiner Schriften zu bewegen, scheitern würden, erhielt der Trierer Erzbischof Richard von Greiffenklau von Kaiser und Reichsständen den Auftrag, noch einmal mit Luther zu verhandeln. In dieser Verhandlung wurde Luther gefragt, „ob er eigenwillig auf seinem Standpunkt beharren oder bei dem ungenähten Rock Christi, der Einheit der christlichen Kirche, bleiben wolle.“ Es gehört zur Tragik der Geschichte, dass ausgerechnet die Verehrung des Heiligen Rocks in Trier für Martin Luther ein zusätzlicher Stein des Anstoßes war. In derben Worten hat der Reformator die Heilig-Rock-Wallfahrten seiner Zeit beschimpft. Dass so manches ihm dafür zu Recht Anlass gab, kann nicht geleugnet werden, und dass noch so manche Wallfahrt der Folgezeit eine antiprotestantische Note trug, gehört auch zur Wahrheit der Geschichte.
Es ist gut, dass mit den Wallfahrten des zwanzigsten Jahrhunderts der Heilige Rock seine ökumenische Aussagekraft wiedergewonnen hat. Schon der selige Papst Johannes XXIII. hat in seiner Grußbotschaft zur Wallfahrt von 1959, nur wenige Wochen nach seiner Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das Anliegen der geeinten Christenheit der Trierer Wallfahrt ins Stammbuch geschrieben. So freut es mich sehr, dass die in der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen zusammengeschlossenen Konfessionen meine Einladung zur Wallfahrt 2012 angenommen haben und sie aktiv mitgestalten. Besonders froh bin ich über die Teilnahme der Evangelischen Kirche im Rheinland, die sich mit einigen ihrer Kirchenkreise auch über das Gebiet des Bistums Trier erstreckt. Bekanntlich gab es schon 1996 eine evangelische Beteiligung an der Wallfahrt. Trotzdem war eine erneute Beteiligung nicht selbstverständlich. Die Verehrung von Reliquien ist und bleibt für die evangelischen Mitchristen ein sperriges Thema. Darin unterscheiden sie sich von den orthodoxen Gläubigen, denen Trier nicht zuletzt durch die Verbindung zu Helena, Konstantin und Athanasius spirituell nahe liegt.
„...und führe zusammen, was getrennt ist“ – so lautet das Leitwort der Wallfahrt 2012. Es ist die Abschlussbitte des so genannten Kleinen Pilgergebetes der Heilig-Rock-Wallfahrt von 1959. Seit mehr als fünf Jahrzehnten gehört diese Bitte nicht nur zum Gebetsgut im Bistum Trier, sondern hat sogar Eingang gefunden in die Fürbitten im deutschsprachigen Messbuch. Wir mussten also nach dem Wallfahrtsmotto nicht mühsam suchen. Im Gegenteil: In einer Vielzahl von Meldungen wurde es wörtlich oder sinngemäß vorgeschlagen. Es lag als Sehnsuchtsbitte gewissermaßen in der Luft. Ist das verwunderlich angesichts der vielen Fliehkräfte und sozialen Polarisierungen, die wir aktuell erleben?„...und führe zusammen, was getrennt ist“ ist eine Bitte für die Ökumene, ja, aber nicht nur. Den sehnlichen Wunsch, dass das zusammenfindet, was disparat nebeneinander steht oder scheinbar gar nicht zusammenpassen will, kennen viele Menschen aus dem eigenen Leben.
Ich denke aber auch an unsere katholische Kirche: Wie sehr ringen wir um den richtigen Weg in unserer Zeit. Zum Teil gibt es heftigen Streit darüber, wie Jesus seine Kirche gewollt hat und was wahrhaft katholisch ist. Die Tonlage der Auseinandersetzung verschärft sich. Umso dringlicher ist da die Bitte: „Herr,  führe du zusammen, was getrennt ist“.
Bei der Wallfahrt vom 13. April bis zum 13. Mai wollen wir uns von der Tunika Christi inspirieren lassen für unseren Weg als Kirche. Das nahtlose Gewand lenkt von selbst unseren Blick auf Jesus Christus, die Mitte unseres Glaubens. Die Wallfahrt in den Wochen der Osterzeit will uns daran erinnern: Der christliche Glaube ist nicht ein Problem, mit dem man sich beschäftigen, das man gar lösen muss, sondern er ist zuerst und vor allem Geschenk. Und mit diesem Geschenk bin ich, wie es Papst Benedikt programmatisch zu Beginn seines Pontifikates gesagt hat, nie allein. Die Wallfahrt nach Trier lädt ein, dies auf intensive Weise zu erleben.

Unter www.heilig-rock-wallfahrt.de finden sich alle wichtigen und nützlichen Informationen zur Wallfahrt 2012.

 

 

Das Gewand Christi: Seine Verehrung in Trier im Verlauf der letzten fünfhundert Jahre

 

Und was vorher mit der kostbaren Herrenreliquie geschah

 

von Michael Hesemann

 

Am 3. Mai 1512, dem Fest der Kreuzerhebung, fand im Rahmen einer Messe für Kaiser Maximilians verstorbene Gattin, Bianca Maria Sforza, eine erste öffentliche Segnung mit dem Heiligen Rock in Gegenwart des Herrschers statt. Fortan veranstaltete man zwei Wochen lang tägliche Zeigungen. Doch das Volk wollte den Rock entfaltet, in seiner ganzen Größe sehen. So befestigte man die Stofffetzen auf einer liturgischen Tunika, die ihnen Halt und Gestalt gab, sodass man sie endlich den Pilgern präsentieren konnte. In dieser, fortan für Trier typischen Weise wurde der Heilige Rock vom Balkon vor dem Mittelfenster der Westapsis des Domes aus einmal täglich den Pilgern gezeigt, oft zusammen mit den anderen „Heiltümern“. Schilderungen aus dieser Zeit lassen uns erahnen, zu welchen Gefühlsausbrüchen dies bei der oft tage- und wochenlang herbei gepilgerten Menschenmenge führte, von spontanen Tränenausbrüchen bis hin zu kollektiven, von heiliger Furcht erfüllten „Erbarmen!“-Rufen, die über den Domplatz hallten. Die Trierer dagegen profitierten von der Wallfahrt und ließen sich, auch wenn der Bischof zu brüderlicher Nächstenliebe aufrief, Bewirtung und Beherbergung teuer bezahlen. Auch die Einnahmen aus dem bald florierenden Devotionalienhandel und die zahlreichen Spenden an den Dom waren ihnen mehr als willkommen.
Doch bald darauf, die Reformation war mittlerweile ausgerufen, wurde auch Unmut laut. Martin Luther jedenfalls hatte für die Verehrung der Heilig-rock-Reliquie nur derben Spott übrig: „Was thät die neue Bescheißerei zu Trier mit Christus Rock? Was hat hie der Teufel großen Jahrmarkt gehalten in aller Welt?“, wetterte es aus Wittenberg. Die Polemik mag dazu beigetragen haben, dass man sich bald auch in Trier verschüchtert zurückhielt. Fortan zeigte man den „Leibrock des Herrn“ nur noch alle sieben Jahre, entsprechend dem Ausstellungszyklus der Aachener „Heiltümer“, im kriegsgeplagten siebzehnten Jahrhundert noch seltener. Die Aufklärung dämpfte die Begeisterung vollends. Im Revolutionsjahr 1792 musste der Heilige Rock Trier verlassen, um auf der Feste Ehrenbreitstein am rechten Rheinufer vor den anrückenden französischen Truppen in Sicherheit gebracht zu werden; erst 1810 kehrte er, nach einem Zwischenaufenthalt in Augsburg, in die Domstadt zurück. Noch einmal kamen 220.000 Gläubige, um ihn zu verehren.
Doch nach dem Abzug der Franzosen übernahmen die protestantischen Preußen die Herrschaft über Trier und drangsalierten die Katholiken. Neun Jahre lang blieb der Bischofsstuhl unbesetzt, sechs Jahre lang weigerte sich die preußische Regierung, den endlich vom Domkapitel gewählten Wilhelm Arnoldi  als Bischof anzuerkennen. Als er dann doch in seinem Amt bestätigt wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen die Ankündigung der nächsten Heiligrock-Wallfahrt für 1844. Sie löste im Vormärz eine heftige Kontroverse  aus. Deutschlands liberale Presse warf der Trierer Kirche eine Rückkehr ins Mittelalter, die geistige Verwüstung des Landes und die Ausbeutung der untersten Volksklassen vor. Der schlesische Kaplan Johannes Ronge schrieb einen Brandbrief an den Bischof von Trier, prangerte die Wallfahrt als „Götzenfest“ an und gründete nach seiner Exkommunikation die Bewegung der liberalen „Deutschkatholiken“, die sich demonstrativ von Rom lossagte. Der „ungeteilte Rock“ des Herrn drohte nicht nur die Nation, sondern auch die Kirche zu spalten. Damit war der „Kulturkampf“ der preußischen Regierung gegen die katholische Kirche, der eine Generation später offen ausgetragen wurde, bereits vorprogrammiert. Erst als dieser 1891 überstanden war, zog die nächste Heiligrock-Wallfahrt dank besserer Verkehrswege und internationaler Berichterstattung fast zwei Millionen Pilger an.
Die Heiligrock-Wallfahrt 1933, an der zweieinhalb Millionen Gläubige teilnahmen, wurde zur eindrucksvollen Demonstration des katholischen Deutschlands gegen den Dämonismus des NS-Regimes. Die NSDAP schnitt in Trier bei den Wahlen so schlecht ab, dass Hitler sich fortan strikt weigerte,  die Domstadt zu besuchen. Erst 1959 wurde die Herrenreliquie wieder im Wirtschaftswunderland der Nachkriegszeit gezeigt und noch einmal 1996, dieses Mal unter demonstrativ ökumenischen Vorzeichen. Während immer noch über siebenhunderttausend Gläubige an die Mosel strömten, verzichtete das Bistum erstmals darauf, auf die historische „Echtheit“ der Reliquie zu bestehen; jetzt galt sie nur noch als „Berührungsreliquie zweiter Ordnung“, also als Nachbildung, als Symbol.
Dabei stieß die bekannte Berner Textilarchäologin Dr. Mechthild Fleury-Lemberg, als sie 1973/74 im Auftrag des Domkapitels den Heiligen Rock inspizierte, auf ganze sieben Schichten textiler Sedimente. So hatte man das verfilzte, wollene Kerngewebe, das 1512 entdeckt wurde, nicht nur in feinste, grünliche Taftseide gehüllt und noch einmal 1890/91 mit braunem Tüll und rotbraunem Seidensatin umgeben. Man hatte dies alles auch, in einem verzweifelten Versuch, die Reliquie zu erhalten, mit einem Gummitragant bestrichen, der die verschiedenen Stoffschichten brachial miteinander verklebte. „Die heilige Tunika erschien in tausend und tausend Partikel, die bei der leisesten Berührung zu Staub zerfielen“, befand damals eine an der Restaurierung beteiligte Ordensschwester. Eine Konservierung mit Nadel und Faden, also eine Einnähung, war damit unmöglich geworden.
Während die „Gummierung“ zwar jede Datierung mithilfe der C14-Methode unmöglich macht – zum Glück, mag man sagen, nach der einschlägigen Erfahrung mit dem Turiner Grabtuch –, war Dr. Fleury-Lemberg zumindest in der Lage, das Kerngewebe aus verfilzter Wollfaser zu inspizieren. Es stammt, so befand sie, dem Stil und der Struktur nach aus der Antike. Ob allerdings aus dem ersten oder vierten Jahrhundert, das ist heute nicht mehr feststellbar. Doch zumindest erscheint eine Fälschung aus dem Mittelalter nach diesem Befund als höchst unwahrscheinlich. Das Material des Gewandes – feine Baumwolle, also kein billiger Stoff –, die Tatsache, dass es aus einem Stück genäht wurde, deutet auf einen edlen Träger hin. Seine Vorderlänge von 1,47 Metern beziehungsweise Rückenlänge von 1,57 Metern lässt zudem auf einen stattlichen Mann schließen, größer als die Menschen des Mittelalters, nicht allzu ungewöhnlich aber für einen Semiten der Antike. Seine ursprüngliche Farbe war ein changierendes Graubraun. Überreste von Goldfäden aus byzantinischer Zeit sowie eines möglicherweise spätantiken Seidenstoffes auf der Reliquie deuten zudem auf eine Verehrung schon in der Spätantike oder im Frühmittelalter im Osten des römischen Reiches hin. Nichts davon beweist die Authentizität der Reliquie, doch der Befund schließt sie auch nicht aus.
Auch die Quellenlage ist dürftig. Dabei berichten Kirchengeschichtler seit dem vierten Jahrhundert von der Pilgerfahrt der heiligen Helena, der Mutter Konstantins des Großen, ins Heilige Land und den zahlreichen Reliquien, die sie von dort mitgebracht und ihrem Sohn in Konstantinopel übersandt haben soll. Doch weder von Trier war damals die Rede noch vom Gewand des Herrn. Erst Mitte des neunten Jahrhunderts erwähnt der französische Mönch Altmann von Hautvillers, Helena habe eine Truhe mit Reliquien nach Trier bringen lassen. Als gebürtige Triererin sei sie der Stadt ganz besonders verbunden gewesen, aus besonderer Liebe zur Trierer Kirche habe sie sogar ihr „Haus“ gestiftet, als sie 312/313 nach Rom ging, damit es zur Bischofskirche umgebaut würde.
Erst eine im elften Jahrhundert in Trier verfasste Vita nennt den damaligen Trierer Bischof Agritius als Empfänger der Reliquien, zu denen erstmals neben dem Messer Jesu vom Letzten Abendmahl und einem der Nägel vom Kreuz des Herrn auch eine geheimnisvolle Reliquienkiste gezählt wird, von der „die einen sagten, es sei in ihr der ungenähte Rock des Herrn, andere, es sei der Purpurmantel“.
Als ein späterer Bischof aus Neugierde die Truhe öffnete, so behauptet der anonyme Autor, sei dieser beim Anblick ihres Inhalts mit Blindheit geschlagen worden. Das mag der Grund sein, weshalb man sich das ganze Mittelalter über hartnäckig weigerte, die kostbare Reliquienkiste zu öffnen; selbst dann, als sie 1196 nach einem Umbau des Doms unter den neuen Hochaltar verlegt wurde.
Dass bereits im vierten Jahrhundert eine kostbare Reliquie in Trier verehrt wurde, dafür spricht auch der bauliche Befund der Doppelbasilika, zu der heute der Trierer Dom gehört. Als man nämlich den kaiserlichen Audienzsaal nach Helenas Tod umbaute, errichtete man auf dem Podest, auf dem wohl einst der Thron des Kaisers stand, eine „zwölfeckige monumentale Memoria“, einen Schrein also, mit dem jetzt Christus als König geehrt wurde. Er sollte von zwölf monolithischen Granitsäulen aus dem Odenwald mit Kapitellen aus lokalem Marmor umgeben werden. Nicht nur, dass der bauliche Entwurf an die Grabeskirche in Jerusalem erinnert. Glaubt man dem Grabungsbericht des Archäologen Theodor Konrad Kempf, so sollte auch unter der „Memoria“ eine „nach den Maßen des Heiligen Grabes ... angelegte unterirdische Kammer“ der Niederlegung einer „Herrenreliquie“ dienen. War damit vielleicht der „Heilige Rock“ gemeint? Erst der Einfall der Franken und Alamannen 353-356 bereitete diesen Plänen ein jähes Ende; fortan galt es als sicherer, Reliquien einzumauern, statt sie demonstrativ zur Schau zu stellen.
So lässt sich die Verehrung des Heiligen Rocks in Trier zu einem so frühen Zeitpunkt zwar nicht nachweisen, ebenso wenig wie die Echtheit der Reliquie selbst. Doch zumindest auszuschließen ist beides nicht.

 

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