Orthodoxie 7/2016

 

Kabale und Konzil

Ein orthodoxes Drama: Warum die Russen Bartholomaios stolpern ließen, und wie eine panorthodoxe Synode nach jahrzehntelanger Vorbereitung in der Zielgeraden geschrumpft wurde

 

von Stephan Baier

 

Das Heilige und Große Konzil ist eine Erfahrung, wie das Leben innerhalb der Orthodoxie ist“, sagt Bischof Gregorios von Mesaoria, der Sprecher der orthodoxen Kirche von Zypern. Das ist etwa so ermutigend wie eine Fernsehansprache Barack Obamas, in der der US-Präsident bestätigt, die TV-Serie „House of Cards“ zeige, wie das Innenleben der amerikanischen Politik nun einmal ist. Von Frank Underwood, dem darin von Kevin Spacey dargestellten machtgeilen US-Präsidenten, brauchen sich die vielen autokephalen und autonomen, die anerkannten und abgespaltenen Kirchen der Orthodoxie wohl kaum inspirieren lassen. Sie verfügen über Jahrhunderte an Erfahrung in politischer Intrige und kirchlichen Rangordnungskämpfen. Ganz zu schweigen vom theologischen Wissen über Brüderlichkeit und Einheit in der „Ecclesia ab Kain und Abel“.
Das „Heilige und Große Konzil“ unter dem Leitwort „Er rief alle zur Einheit“ war – um nochmals den zypriotischen Bischof Gregorios zu zitieren – allenfalls insofern „ein Geschenk Gottes“, als es lehrte, mit den Begriffen „heilig“ und „groß“ lieber sparsam umzugehen: Anstelle von Einheit zeigten sich inhaltliche Grabenkämpfe um Ökumene und interkonfessionelle Ehen, Richtungs- und Rangordnungskämpfe, Machtspiele um die Jurisdiktion über dieses und jenes Gebiet sowie um die Rolle des „Prothos“ – des Ersten unter den Ersthierarchen. Der Klerikerstreit, der bereits im Vorfeld zwischen den orthodoxen „Schwesterkirchen“ teils auf offener Bühne, teils hinter dem Samtvorhang geheuchelter Brüderlichkeit vonstatten ging, überbietet so manche politische Schlammschlacht.
Jahrzehntelang war das „Panorthodoxe Konzil“ der vierzehn autokephalen orthodoxen Kirchen vorbereitet worden. Spätestens seit Januar waren – mit einer Ausnahme – alle Dokumente von allen Kirchen approbiert, doch dann orchestrierte ein moderner russischer Rasputin die Demontage des Konzils und seines Vorsitzenden, des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel.
Zuerst zog sich das Patriarchat von Antiochien zurück, weil Bartholomaios einen Jurisdiktionsstreit mit Jerusalem über die Orthodoxen in Katar nicht noch rasch vor dem orthodoxen Pfingsfest schlichten konnte. Dann sagten die Bulgaren aus Protest gegen die Ökumene-Erklärung ihr Kommen ab. Die Serben schließlich holten weit aus und kritisierten gleich alles: die einstimmig vorbereiteten Texte, die Themenpalette, die Verfahrensordnung, die Rolle des Ökumenischen Patriarchen, den Ablauf und Status des geplanten Treffens. Nachdem sie so das Konzil auf Kreta sturmreif geschossen, seine Herabstufung zu einer vorkonziliaren Versammlung gefordert und ihre Mitwirkung daran in Frage gestellt hatten, reisten sie überraschend an. Natürlich unter balkanischen Drohungen und Erpressungen: Augenblicklich wolle die serbische Delegation Kreta verlassen, wenn das Konzil die aufgeworfenen Streitfragen ausklammern oder Vorwürfe gegen die Fernbleibenden erheben sollte. Offenbar wollten die Serben teilnehmen, um ganz sicher zu sein, dass das Konzil scheitert.
Nicht balkanisch, sondern kaukasisch legten es die Georgier an: Sie erklärten ihren Boykott damit, dass sie gemischt-konfessionelle Ehen und die Ökumene pauschal ablehnen. Nun halten auch viele griechische und serbische Bischöfe den Gedanken der Ökumene für eine typisch katholische Häresie. Entsprechend lehnen sie die nicht-orthodoxe Taufe und die in einem Konzilsentwurf vorgesehene Dispens für gemischt-konfessionelle Ehen ab. Aber so mancher „schlaue Grieche“ (um ein russisches Diktum zu zitieren) und etliche Balkan-Orthodoxen sind ganz froh, wenn ihnen andere die Kohlen ins Feuer legen und ein paar Haare in die konziliare Suppe werfen. Nach den Absagen aus Damaskus, Tiflis, Sofia und – zunächst jedenfalls – aus Belgrad war Mitte Juni offensichtlich, dass das „Heilige und Große Konzil“ vielleicht noch groß sein würde, keinesfalls aber ein Spiegel von Heiligkeit. Trotz aller auf Kreta landenden Seligkeiten und Seiner Allheiligkeit, Bartholomaios I., der sich außerstande sah, das von allen einberufene Konzil aus eigener Macht abzusagen, zu verschieben oder zur synodalen Versammlung herabzustufen.
Ja, groß hätte es vielleicht noch werden können. Nach 55 Jahren wechselvoller und intrigenreicher Vorbereitungen vielleicht sogar ein Jahrhundertereignis. Doch dann trat der Hauptakteur schweren Schrittes auf die Bühne: zwar nicht Zar Wladimir Putin höchstselbst, aber doch das mit ihm in harmonischer Symphonia zusammenspielende Moskauer Patriarchat. Zuvor hatte der russisch-orthodoxe Außenamtschef, Metropolit Hilarion, die Dissidenten aller Länder angefeuert, hatte mehrfach unüberhörbar erklärt, das Konzil habe keinen Sinn mehr, wenn auch nur eine der vierzehn Kirchen nicht teilnehme, hatte somit allen Hierarchen ihr enormes Erpressungspotenzial erklärt, und hatte dann genüsslich zugesehen, wie diese es weidlich nutzten. In der Zielgeraden des Konzils sagte die russische Orthodoxie selbst ab.
Stets hatte sich Russlands Orthodoxie bärenstark und nationalbewusst gegeben, als stärkste und größte Kirche, mit dem flächengrößten kanonischen Territorium mit den meisten Gemeinden und Gläubigen. Zudem mit dem stärksten weltlichen Schutzherrn, denn Putin legt großen Wert darauf, sich vor TV-Kameras vom Patriarchen segnen zu lassen, wie umgekehrt der Patriarch bei Putins Reden zur Lage der Nation in der Mitte der ersten Reihe sitzt. Demgegenüber ist der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel ein armer Schlucker: Seelsorger für ein paar hundert Griechen in der Türkei, ein gesuchter Gesprächspartner weltweit, doch zuhause ein Outlaw für Staat und Mehrheitsgesellschaft, ein Underdog, der seinen bescheidenen Amtssitz und seine globale Funktion nur dank griechischer Großspender aufrechterhalten kann. Gerade diesem armen Schlucker hätte das Panorthodoxe Konzil den Vorsitz und die Führung, den Vorrang vor allen anderen eingeräumt. Da zogen die Machtmenschen in Moskau die Notbremse – noch dazu unter Berufung auf die zerbrochene Einheit und die Anliegen der Minorität.
Die Schuld für das panorthodoxe Desaster schieben Moskau und Belgrad dem Ökumenischen Patriarchen zu: Die Rufe nach einer sichtbaren Einheit seien eine „Verknechtung aller Orthodoxen“, schrieb der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic. Der Moskauer Religionswissenschaftler Roman Silantjew höhnte gar, „das pro-amerikanische Patriarchat von Konstantinopel“ habe sich selbst diskreditiert. So etwas würde das russische Patriarchat nie sagen. Zumindest nicht öffentlich. Als Bartholomaios zu Beginn des Konzils die vier abwesenden Patriarchen nochmals herzlich und dringlich einlud, waren die Antworten unmissverständlich: Der russische Patriarch Kyrill I. und der antiochenische Patriarch Youhanna X. bekräftigten ihr Fernbleiben – die Patriarchen von Tiflis und Sofia antworteten nicht einmal. Den selbstbewussten Russen, die ihre „Mutterkirche von Konstantinopel“ gerne wie eine altersschwache und demente Großmutter behandeln, genügt der Triumph, die „schlauen Griechen“ ausgebremst und aus einem Panorthodoxen Konzil ein Trauerspiel gemacht zu haben. Der in autokephale Kirchen zersplitterten Orthodoxie fehlt die Einheit – und ein Amt der Einheit. Mit Betonung auf „ein“: Sie hat nicht einen Papst, sondern viele. Allzu viele.

 

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