Kirche in Not 8-9/2016

 

Die Angst ist ein ständiger Begleiter

Christliche Flüchtlinge im Libanon berichten  
„Kirche in Not“ von Gräueltaten des Islamischen Staats

 

von Andrea Krogmann

 

Nennen wir sie Samir und Sabine. Sagen wir, sie sind Anfang 50. „Kein Foto, keine Namen!“ Den Grund dafür zeigt Samir mit einer eindeutigen Geste: Sonst rollt sein Kopf – und der seiner Frau. Dann lässt er die Arme sinken, in den Händen ein Papier: eine Quittung. Sie haben in Syrien die „Christensteuer“ entrichtet. Die Dschihadisten trieben sie ein: 3700 Euro pro Jahr und Familie. Es war Schutzgeld – aber vor dem Terror ist trotzdem niemand sicher, nicht in der alten Heimat, nicht im Irak, nicht im Libanon.
Die dortige Bekaa-Ebene ist für viele Syrer zur Zufluchtsstätte geworden. Nach UN-Angaben halten sich dort über zweihunderttausend Flüchtlinge auf. Im ganzen Libanon sind es über eine Million – ein Fünftel der einheimischen Bevölkerung. Die Geflüchteten kommen in privaten Notunterkünften unter oder hausen in Camps. Die Not ist groß. Organisationen wie das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ helfen mit Lebensmittel- und Medikamentenpaketen, leisten Wohnhilfen und sorgen sich um die pastorale Betreuung der christlichen Minderheit. Denn auch die seelischen Wunden, die Krieg und Flucht geschlagen haben, sind tief.
Wie bei Samir und Sabine. Sie stammen aus Rakka. Die Stadt am Ufer des Euphrat zählte vor dem Krieg rund eine Viertelmillion Einwohner. Heute ist sie so etwas wie die Hauptstadt der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Samir und seiner Familie ging es gut in Rakka. Dann kam der IS. Samir zahlte die Zwangssteuer, versuchte sich Sicherheit zu erkaufen. Doch die Bedrohung wuchs Tag für Tag.
Die Familie sah sich zur Konversion gezwungen. Sie wurden Muslime, zum Schein. „Ich habe dieses Leben gehasst – den Schleier, dass ich ohne männliche Begleitung nicht auf die Straße durfte“, erzählt Sabine. Samir ging regelmäßig zum Gebet in die Moschee. Er wollte die Familie schützen. Dann kam das Auto mit den Kämpfern. Der Vorwurf: Sie seien gar keine richtigen Muslime, beteten zu Hause weiter zum christlichen Gott. Das stimmte. Jemand hatte sie denunziert. Hals über Kopf flohen sie, ein muslimischer Freund half ihnen dabei. Erste Station ihrer Flucht: Aleppo. Der Terror zog mit. „Nach zwei Monaten in Aleppo bekam ich einen Anruf. Sie sagten mir, sie werden kommen und mich töten“, erzählt Samir.
Die Familie flieht weiter in den Libanon, nach Beirut. Bis auch dort das Telefon klingelt: „Wir wissen, wo Du bist!“ Die Angst treibt die Familie noch einmal weiter in die libanesische Hochebene. Sie sehen es als göttliche Fügung: „Die ganze Zeit hatten wir ein Bild des heiligen Scharbel bei uns; das hat uns gerettet.“ Der Priestermönch und Einsiedler Scharbel Machluf lebte im neunzehnten Jahrhundert im Libanon. Mystische Visionen, Heilungen und andere Wunder werden ihm zugeschrieben. Er wurde schon zu Lebzeiten wie ein Heiliger verehrt. Heute gilt er als eine Art Schutzpatron der Christen im Libanon und Nahen Osten. Samir und Sabine haben alles verloren – nur ihren Glauben nicht. „Er ist stärker als je zuvor“, sagt Samir. Wegen ihres Glaubens wollen sie auch raus aus dem Nahen Osten. Denn neulich erhielt er auch im Libanon einen Anruf: „Wo immer Du bist, wir finden Dich!“
Die Angst ist ein ständiger Begleiter der Flüchtlinge. Viele sind traumatisiert. „Es gibt Familien, die mussten über die Leichen ihrer Nachbarn steigen, um fliehen zu können“, sagt Sana. Die libanesische Christin steht den Flüchtlingen seit Beginn des Syrienkriegs vor über fünf Jahren bei. „Die Kinder malen bis heute Horrorszenen, manche sind apathisch“, erzählt Sana. Die Aufarbeitung brauche viel Zeit, aber sie sei froh, dass die Flüchtlinge sich langsam öffnen und ihre Geschichte erzählen.
So wie Jakob und Claire. Auch sie wollen ihren richtigen Namen nicht preisgeben. Auch sie erzählen von einer Flucht in Todesangst. Es begann mit Protesten vor ihrem Haus im syrischen Kusseir. Ihre muslimischen Nachbarn wollten die Christen zwingen, den Kampf gegen Präsident Assad zu unterstützen. Auch wenn vieles unter seiner Herrschaft nicht in Ordnung gewesen sei – „wir Christen konnten wenigstens frei und sicher leben“, sagt Claire. Jetzt warte in Syrien nur der Tod auf sie.
Denn eines Tages predigten die islamistischen Geistlichen, dass männliche Christen über fünf Jahren sofort zu exekutieren seien. Alle flohen Hals über Kopf in den Libanon. 75 schafften es nicht. Sie wurden von den IS-Kämpfern brutal misshandelt und ermordet. Frauen und Kinder mussten die Gräuel mit ansehen. Die Kämpfer drangen in ihre Häuser ein, zerstörten, plünderten, töteten. Das Leid macht sprachlos.
So wie bei Maria, wie sie sich nennt. Ihre eigene Geschichte kann sie nicht erzählen. Darum spricht die Christin aus Sadat von ihren Nachbarn. „Eines Nachts kamen die Männer vom IS. Dreimal haben sie ,Allahu Akbar‘ (Allah ist groß) gerufen. Dann haben sie alle getötet: Großeltern, Eltern, Kinder.“ Drei Generationen – mit einem Mal ausgelöscht, die Leichen in einen Brunnen geworfen. Maria wird ganz still. „Das syrische Volk hat zu viel durchgemacht. Die Welt darf uns nicht vergessen!“

 

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