Vatikan 5/2013
„Ihr reicht euch die Herrlichkeit gegenseitig herum“
Viele rufen nach einer Reform der Römischen Kurie. Man spricht von Karrierismus und Titelsucht. So völlig normal eine Anpassung der Päpstlichen Behörden an die Bedürfnisse der Zeit auch ist – das Thema weckt immer Emotionen
von Ulrich Nersinger
Es gibt keine auf Religion ruhende Einrichtung in der Welt, nach deren Reform so unausgesetzt geschrien worden ist“, schrieb Reinhard Raffalt in seiner Sinfonia Vaticana. Der gelehrte Cicerone der Ewigen Stadt verwendete bewusst den Ausdruck „schreien“. Denn der Vatikan und die Römische Kurie sind Institutionen, die Emotionen erzeugen. Emotionen, die nicht selten ein Mindestmaß an gefordeter Sachlichkeit in der Diskussion um berechtigte Überlegungen ausschalten. So wie viele Nachfolger Petri vor ihm will nun auch Papst Franziskus seinen weltkirchlichen Mitarbeiterstab dem Prüfstand der Zeit unterziehen. Ein im Grunde völlig normales und notwendiges Unterfangen. Doch für so genannte Kirchenkritiker und die aktuelle Medienlandschaft scheint das päpstliche Vorhaben ein Freibrief der Agitation zu sein. Fern jeder Kenntnis der Materie stimmt man vor allem in deutschen Gefilden, die mit dem altbekannten, immer neu mutierenden Virus des antirömischen Affekts infiziert sind, ein Triumphgeheule über den vermeintlichen „Erzfeind“ jenseits der Alpen an. Um was aber geht es wirklich in der Diskussion um die Römische Kurie?
Vielleicht hilft ein Blick in die Historie, ein Verstehen des Warum und Wie, um ein objektiveres Bild dieses kirchlichen Behördenapparates zu erhalten – dessen große Leistungen anzuerkennen, aber auch erkennbare Defizite anzumahnen. Der Blick in die Geschichte geht zwei Jahrtausende zurück. Er ist gerichtet auf das Herzstück des Imperium Romanum: Auf dem Forum, am Ende der altehrwürdigen Via Sacra, erhebt sich ein mächtiger Backsteinbau – die Kurie. Von hier aus wurden die Geschicke des Römischen Reiches bestimmt, oder zumindest mitgetragen. Von Petrus Damianus war die Forderung erhoben worden, die Kirche müsse in ihrer Verwaltung die antike Kurie der Römer nachahmen. Der Kirchenlehrer des elften Jahrhunderts dürfte bei diesen Worten nicht bloß an die Effizienz dieser altehrwürdigen Einrichtung gedacht haben, sondern auch an das Ideal, dem sich die Kurie der Römer verpflichtet gefühlt hatte, dem Wohl der res publica, der öffentlichen Sache, des Staates. Und warum sollte man in dieser Tradition nicht auch für das Wohl der Weltkirche wirken?
Zu Beginn des zweiten Jahrtausends waren die Kardinäle mehr und mehr zu den engsten Beratern und Mitarbeitern des Papstes geworden – zu den Senatoren der Kirche. In antiken Gesetzestexten fand sich für den Senat eine Bezeichnung, die in den Sprachgebrauch der Kirche überging: das Konsistorium. In den Konsistorien beriet sich der Papst mit den Kardinälen über die wichtigsten Angelegenheiten der Kirche. Er beauftragte einzelne oder Gruppen von ihnen mit Aufgaben, die mit der Verantwortung für die Gesamtkirche zusammenhingen, „da Uns die Fülle der Vollmacht, die Uns vom Herrn übertragen wurde, zu Schuldnern aller Christgläubigen gemacht hat“, so Innozenz III. (1198-1216).
Im sechzehnten Jahrhundert wurden die Kongregationen geschaffen. Sie waren ständige Versammlungen einer bestimmten Anzahl von Kardinälen, die – neben den schon bestehenden Gerichtshöfen und Sekretariaten – für ein funktionierendes Leben in der Kirche Sorge trugen. Durch Sixtus’ V. (1585-1590) entstand die Struktur der gesamtkirchlichen Verwaltung, die in ihren Grundzügen bis in unsere Tage hinein existiert. In den folgenden Jahrhunderten waren die Päpste immer wieder gezwungen, Veränderungen vorzunehmen. Auf und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) stand die Kurie im Kreuzfeuer der Kritik, obschon die Kirchenversammlung deren Existenz, Berechtigung und Verdienste im Dekret Christus Dominus bekräftigt hatte: „Bei der Ausübung der höchsten, vollen und unmittelbaren Gewalt über die Gesamtkirche bedient sich der Papst der Behörden der Römischen Kurie. Diese versehen folglich ihr Amt in seinem Namen und mit seiner Vollmacht zum Wohle der Kirchen und als Dienst, den sie den geweihten Hirten leisten.“
Der Forderung des Konzils nach einer Kurienreform kam Paul VI. (1963-1978) nach. 1967 setzte er seinen Namenszug unter die Apostolische Konstitution Regimini Ecclesiae Universae. Mit ihr entsprach er den Wünschen nach einer Internationalisierung der Kurie, der Hinzuziehung von Diözesanbischöfen, der zeitlichen Begrenzung der Amtsdauer der Mitarbeiter und einer wirkungsvollen Kooperation der römischen Behörden untereinander. Einige Institutionen wurden abgeschafft, manche zusammengelegt, andere neu gegründet. Eine enorme Aufwertung erfuhr das Päpstliche Staatssekretariat; es wurde in den Rang einer Kontrollinstanz der gesamten Kurie gehievt – ein „Superministerium“ war entstanden. Zwanzig Jahre später führte Johannes Paul II. mit der Apostolischen Konstitution Pastor Bonus die Reformen des Vorgängers fort und setzte seinerseits neue Akzente in der Verwaltung der Gesamtkirche.
Für die meisten Päpste der Kirchengeschichte ist die Römische Kurie kein beliebiges Herrschaftsinstrument gewesen; sie haben sie stets als einen dem obersten Hirtenamt zutiefst eigenen Dienst betrachtet. Auch Benedikt XVI. hat dies vom Beginn seines Pontifikates an nachdrücklich betont und rief sich und seinen Mitarbeitern mahnend in Erinnerung: „Die totale und großzügige Verfügbarkeit im Dienst für die anderen ist das Unterscheidungsmerkmal dessen, der in der Kirche mit Autorität ausgestattet ist“.
Im Mittelpunkt einer Predigt von Papst Franziskus in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses stand das Evangelium vom guten Hirten. Man könne in den Schafstall nur durch die Tür, nämlich Christus, hineingehen, Wer anderswo einsteige, dem verlange nur nach dem Profit für sich selbst: er sei einer, der „aufsteigen“ wolle. Auch in den christlichen Gemeinden gäbe es diese Aufsteiger: „Karrieristen, die nur das Ihre suchen und bewusst oder unbewusst so tun, als träten sie ein. Doch sie sind Diebe und Räuber. Warum? Weil sie Jesus die Herrlichkeit stehlen, ihre Herrlichkeit wollen, und das ist, was er den Pharisäern sagte: ‚Ihr reicht euch die Herrlichkeit gegenseitig herum’.“
Schon seit längerer Zeit erscheint vielen Insidern Handlungsbedarf gegeben. Nicht jeder Präsident einer Kurienbehörde müsse mit dem Kardinalat „belohnt“ und nicht jeder Sekretär einer Kongregation, eines Gerichtshofs oder eines Amtes mit der Bischofswürde ausgestattet werden. Abschied zu nehmen sei von der allzu langen Tradition, Personen, die sich in ihrem Aufgabengebiet nicht bewährt haben oder dem Willen des irdischen und himmlischen Arbeitgebers entgegengewirkt haben, mit einer Beförderung wegzuloben. Manche Reformforderungen sind aber auch an der Redlichkeit der Antragsteller zu messen. Der Ruf aus den Teilkirchen, die Römische Kurie weiter zu internationalisieren, bedingt auch die Bereitschaft aus dem eigenen Bistum, hierfür Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen – und zwar fähige Priester, Ordensleute und Laien, wenn möglich die besten. Als ein mitteleuropäischer Bischof gegenüber Giovanni Benelli, einem der Architekten der Kurienreform Pauls VI., vom aufgeblasenen Apparat kirchlicher Verwaltung sprach, konterte der Prälat: „Meinen Exzellenz den unsrigen oder den Ihrer Diözese?“ Denn vergleicht man die Behörden des Papstes mit den Ordinariaten vieler Bistümer, so schneidet Rom keineswegs schlecht ab. Es kommt mit deutlich weniger Personal und finanziellen Kosten aus als diese.
Dass es an der Römischen Kurie Karrieresucht, Intrigen, Korruption und sexuelle Verfehlungen gibt, ist nicht zu leugnen. Aber diese Missstände kommen in jeder menschlichen Gesellschaft, in jeder kirchlichen Gemeinschaft vor. Durch seine einzigartige Stellung ist der Vatikan jedoch „ein geschichtliches Gebilde, das in konzentrierter Form die Höhenflüge und Abgründe des menschlichen Geistes widerspiegelt“ (Reinhard Raffalt). Der Großteil der Kurialen leistet gute Arbeit. Auf dem Höhepunkt der „Vatileaks“-Affäre berichtete Monsignore Angelo Becciu, der Substitut des Päpstlichen Staatssekretariats: „Mir hat jemand in letzter Zeit anvertraut, dass er sich geniere zu sagen, dass er im Vatikan arbeite, und ich habe ihm erwidert: Halten Sie Ihren Kopf hoch und seien Sie stattdessen stolz darauf.“ Die wenigen, die sich unredlich verhalten hätten, dürften diese positive Realität nicht überschatten.
Es war vermutlich kein Zufall, dass die Türen der Kurie des römischen Forums nicht zerstört wurden, sondern dass man sie wieder verwendete. Sie lassen bis zum heutigen Tag die Gläubigen in die Lateranbasilika hinein, in das „Haupt aller Kirchen des Erdkreises“. Als Papst Franziskus im vergangenen Monat durch sie schritt, um von seiner Bischofskirche Besitz zu ergreifen, könnten ihm die geschichtlichen Dimensionen weltkirchlicher Verwaltung bewusst geworden sein. Die Männer, die er dazu berufen hat, ihm bei der Reform der Kurie zu beraten, sind allesamt Kardinäle – sie kommen aus dem Senat der Kirche. Die Entscheidung des Papstes steht in der Tradition, sie richtet sich ad fontes aus, auf die ursprünglichen Quellen hin.
Artikel kostenlos als PDF herunterladen



Wieder ein Fatima-Pontifikat