Disputa 5/2016

 

Wie viel Migranten verträgt das Land?

Unter dieser Überschrift ist in der vergangenen April-Ausgabe des Vatican-magazins ein Beitrag erschienen, der sich anhand mehrerer Stellen oder Gleichnisse aus dem Alten und Neuen Testament mit der Frage auseinandersetzte, was angesichts der Flüchtlingsströme, die an die Grenze Europas branden, Aufgabe des Christen ist. Papst Franziskus hat sich die Frage zu eigen gemacht und auf Lampedusa und Lesbos klare Antworten formuliert. Der Autor des April-Beitrags kam zu anderen Ergebnissen – und hat Widerspruch provoziert. Grund genug, die Flüchtlings-Debatte in dieser Ausgabe fortzusetzen.

 

Nächstenliebe verlangt immer Opfer

Der Christ und die Flüchtlingsfrage: Eine Antwort auf den Essay von Felix Hornstein

von Stefan Rehder

 

Es ist nicht zu ändern. Felix Hornstein muss widersprochen werden. Nicht in jedem Punkt seines Essays, den er in der April-Ausgabe des Vatican-magazins publizierte, sondern – viel gravierender – grundlegend. Denn, ob beabsichtigt oder nicht, in seinem Essay bezieht Herr Hornstein einen Standpunkt, den kein Katholik teilen kann, zumindest keiner, dem an Orthodoxie und Orthopraxie seines Glaubens auch nur irgendetwas liegt.
Worin also besteht das Unannehmbare, das Herrn Hornstein, den wir uns als aufrechten Mann mit lauteren Absichten vorstellen, in seinem Essay vorlegt? Nun, das Unteilbare und Unannehmbare besteht darin, dass Herr Hornstein uns in der irrigen Annahme missioniert, die christliche Nächstenliebe lebe nur der recht, der sie kühl abwägend, kalkuliert und vernünftlerisch lebe.
Nun könnte der aufmerksame Leser einwenden, in dem Essay Hornsteins käme beispielsweise das Wort „vernünftlerisch“ überhaupt nicht vor. Und das wäre völlig zutreffend. An keiner Stelle spricht Herr Hornstein in seinem Text von „vernünftlerisch“. Aber das ist auch gar nicht nötig. Denn das Vernünftlerische durchtränkt seinen gesamten Text derart, dass man beim Umblättern einer jeden Seite fürchtet, es müsse augenblicklich aus dieser heraustreten und sich auf einen legen.
Dass wir einen aufrechten Mann wie Herrn Hornstein, dem wir – das wiederholen wir gerne – nur die besten Absichten unterstellen, der Vernünftelei bezichtigen müssen, hat aber noch einen weiteren Grund. Und dieser besteht nun einmal darin, dass dem Christentum nichts ferner liegt, als eben eine solche kühl kalkulierte Vernünftelei.
Wollte man die christliche Nächstenliebe mit einem kräftig lodernden Feuer vergleichen, dann wäre das, was uns Herr Hornstein stattdessen in seinem Essay vorschlägt, ein kalter tödlicher Eisberg, von dem – wie bei Eisbergen üblich – allein die harmlos dreinschauende Spitze aus dem Wasser ragte, während sich das wahre Ausmaß des Schreckens, für das Auge unsichtbar, unterhalb der Wasseroberfläche abspielte.
Da wir es nun einmal unternommen haben, öffentlich mit Herrn Hornstein zu streiten und seinen Essay mit der Spitzes eines Eisberges vergleichen, wollen wir auch die Antwort auf die Frage, was denn dann der gewaltige unsichtbare Berg sei, nicht schuldig bleiben. Die Antwort ist einfach. Bei dem gewaltigen Berg, der sich unter der Wasseroberfläche verbirgt, handelt es sich um die weitverbreitete Ansicht, es müsse möglich sein, die christliche Nächstenliebe so zu leben, dass sie einen selbst keine Opfer koste oder zumindest keine, die diesen Namen tatsächlich verdienen.
Das aber ist – mit Verlaub gesagt – Unsinn. Denn die christliche Nächstenliebe verlangt immer echte Opfer. Wer etwas anderes für zutreffend hält, tut gut daran, dies als den sichersten Hinweis darauf zu erachten, dass er sich in der Liebe seiner Nächsten – zumindest bislang – als blutiger Anfänger erwiesen hat. Das kann gar nicht anders sein. Denn wer es wirklich wagen sollte, sich in der Liebe seiner Nächsten auf Erden zur wahren Meisterschaft aufzuschwingen, der landet unweigerlich dort, wo auch sein Meister Platz nahm: am Kreuz. Da bekanntlich kein Jünger über seinem Meister steht, ist ihm dieser Ort genauso sicher, wie er sich auf Erden auf die Gesetze der Schwerkraft verlassen kann. Ja, mehr noch, eher wäre es denkbar, dass Newtons Apfel mitten im Falle plötzlich in der Luft stehen bliebe, als dass jemand, der sich ernsthaft in der Nächstenliebe übte, nicht auch mit dem Kreuz Bekanntschaft machte.
„Ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn“ (Mt, 10, 24). Im Johannes-Evangelium spricht Jesus diese Worte in leicht abgewandelter Weise am Vorabend seiner Kreuzigung und nachdem er den Jüngern im Abendmahlsaal die Füße gewaschen hatte. Da Jesus – wahrer Gott und wahrer Mensch – wusste, dass er tags darauf sterben würde, dürfen wir wohl annehmen, dass er auch die Worte, die er beim Letzten Abendmahl sprach und die Zeichen, die er dabei wirkte – allen voran die Einsetzung der Eucharistie – mit Bedacht wählte und womöglich eigens für diesen Abend aufgespart hatte.
Und so lesen wir in dem Bericht des heiligen Johannes, den Jesus besonders liebte: „Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 12-15).
Wir wissen nicht, wie Herr Hornstein seinen Glauben praktiziert. Und es geht uns auch nichts an. Das kann und soll Herrn Hornsteins private Angelegenheit bleiben. Eine, die er nur mit Gott, seinem Gewissen und seinem Beichtvater zu verhandeln braucht. Nicht mit den Lesern seines Essays und schon gar nicht mit uns. Was wir aber wissen, ist, was Herr Hornstein über seinen Glauben publiziert und damit öffentlich gemacht hat. Dies aber geht uns sehr wohl etwas an. Schon, weil auch wir ein Teil eben jener Öffentlichkeit sind, an die Herr Hornstein sich mit seinem Essay wendet. Aber noch mehr, weil Herr Hornstein sich darin – zu seinem und unserem Unglück – sowohl auf das Alte als auch auf das Neue Testament beruft; also auf jene Quellen, die nicht nur für den Glauben von Herrn Hornstein, sondern auch für unseren, wie überhaupt für jeden rechten Glauben bedeutsam sind.
Halten wir daher fest, dass Herr Hornstein die eben zitierte Stelle des Johannes-Evangeliums in seinem Essay nicht heranzieht. Warum nicht, wissen wir nicht. Und wir wollen darüber genauso wenig spekulieren, wie darüber, warum er dort auch das „neue Gebot“ unterschlägt, welches Jesus – nachdem Judas hinausgegangen war – den übrigen Aposteln offenbarte und das lautet: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13, 34-35). Den Text des Johannes-Evangeliums hatte Herr Hornstein jedenfalls zur Hand, denn in seinem Essay zitiert er Joh 5, 1-5 sowie Joh 5, 8-9.
Worüber wir hier stattdessen spekulieren wollen, ist etwas ganz anderes: Könnte es sein, dass Jesus die Frage: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ (Joh, 13, 12) nicht nur an die Zwölf, sondern auch an uns gerichtet haben könnte? Also auch an Sie und mich und natürlich auch an Herrn Hornstein, den wir keineswegs ausschließen wollen? Und könnte es sein, dass Jesus, wenn er selbst dem Judas, den er in seiner wenig später folgenden Abschiedsrede den „Sohn des Verderbens“ nennt (Joh, 17, 12) und von dem er – wahrer Gott und wahrer Mensch – längst wusste, dass er ihn verraten würde, die Füße wusch, folglich auch von uns erhofft – oder mehr noch – von uns erwartet, dass auch wir selbst jenen Gutes tun, die uns hassen? Oder anders formuliert: dass wir sie lieben sollen?
Könnte das sein? Nun, die katholische Kirche, die auch Felix Hornsteins und unsere Kirche ist, ist sich dessen jedenfalls ganz sicher. Sie ist überzeugt davon, dass die Worte, die Jesus vor mehr als zweitausend Jahren auf Erden sprach, nicht bloß für die Menschen der damaligen Zeit gesprochen wurden, sondern für die Menschen aller Zeiten und damit auch für uns. Mehr noch: Sie ist so felsenfest davon überzeugt, dass die Worte Jesu – weil wahrer Gott und wahrer Mensch, kein Verfallsdatum kennen und dass sie, obgleich sie zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Kontext gesprochen wurden, dennoch Zeit, Ort und Kontext jeweils derart überragen, dass sie zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Kontexten gültig bleiben, dass sie diese in ihren Gottesdiensten unaufhörlich wiederholen und in den Predigten ihrer Priester stets aufs Neue auslegen lässt.
Nun gibt es (post)moderne Menschen, die es für eine Zumutung halten, glauben zu sollen, dass ein in einem historischen Kontext gesprochenes Wort allzeit gültig bleibt und Ewigkeitscharakter besitzt. Und sie haben Recht. Das ist eine Zumutung.
Nur ist das überhaupt nichts Besonderes. Denn bei Licht betrachtet ist der gesamte christliche Glaube für den (post)modernen Menschen eine einzige gewaltige Zumutung. Wer das nicht unterschreiben kann, der hat vermutlich noch nicht hinreichend darüber nachgedacht. So erwartet der christliche Glaube nicht nur, dass der Christgläubige für bare Münze nimmt, dass der Schöpfer von Raum und Zeit auf ein im Grunde winziges Staubkorn des von ihm geschaffenen Kosmos hinabstieg und dort Mensch wurde. Er erwartet auch, dass der Christgläubige es als historische Tatsache betrachtet, dass sich der Schöpfer aller Dinge von der „Krone seiner Schöpfung“ dort zu Tode foltern ließ und nach drei Tagen wieder aus dem Grab erstand. Und das nicht etwa aufgrund von sado-masochistischen Neigungen – das würde der (post)moderne Mensch zweifellos tolerieren, auch wenn er es womöglich „ziemlich krass“ fände – sondern, um jene zu erlösen, die er einst wegen ihres Ungehorsams aus seiner Gegenwart verbannte und deren Nachfahren ihm auch anschließend vor allem Scherereien und Kummer bescherten.
Aber auch damit ist das Fahnenstangenende der Zumutung noch nicht erreicht. Denn der christliche Glaube verlangt vom Christgläubigen noch viel mehr. Er soll – und da nun rollen sich vielen (post)modernen Menschen nun endgültig die Fußnägel auf – in allen Menschen Ebenbilder Gottes sehen.
Natürlich könnte man sich auf den Standpunkt stellen, zu glauben, dass Menschen Ebenbilder Gottes sind, sei eine so gewaltige Zumutung nun auch nicht, wenn man dabei zum Beispiel an die den Durchschnitt derart überragenden Gestalten wie Johannes Paul II., Mutter Teresa, Pater Pio oder Edith Stein dächte. Gleiches gilt selbstverständlich auch für all die Heiligen, die der (post)moderne Mensch nur aus ihren Schriften, aus Heiligenviten oder anderen Büchern kennt: Für einen Augustinus etwa, einen Thomas von Aquin, eine Katharina von Siena oder eine Thérèse von Lisieux, einen Ignatius von Loyola oder einen Philipp Neri, eine Klara von Assisi oder eine Teresa von Ávila.
Dummerweise verlangt der christliche Glaube aber auch, dass wir keineswegs nur in ihnen, sondern sogar in Massenmördern, Terroristen, Kinderschändern und Zuhältern Ebenbilder Gottes erblicken, wenn selbstverständlich auch solche, die von zum Himmel schreienden Sünden so furchtbar verunstaltet wurden, dass eine Ähnlichkeit mit dem Urbild oft tatsächlich nur noch geglaubt werden kann. Ein Glaube, der all das verlangt, ist aber heute nicht nur eine gewaltige Zumutung. Er ist auch ziemlich unpraktisch.
Viel praktischer wäre es zum Beispiel, wenn der Christgläubige sich stattdessen darauf beschränken könnte, sich allein dem Kult zu widmen, Gott seine Gebete darzubringen und Gottesdienst zu feiern. Viel praktischer und obendrein effizient wäre es, wenn sich der Christgläubige den Himmel verdienen könnte, und zwar am besten allein durch seine Frömmigkeit. Viel praktischer und obendrein komfortabel wäre es, wenn sich der Christgläubige nur mit Menschen umgeben könnte, die ihm dabei hilfreich zur Seite ständen oder wenigstens höflich applaudierten. Viel praktischer und angenehmer wäre es schließlich, wenn das wirkliche Leben genauso daherkäme wie nicht wenige Accounts, mit denen sich gläubige Menschen heute in sozialen Netzwerken präsentieren. Ja, der Himmel auf Erden wäre all das.
Und genau deshalb ist all das Gott auch ein Gräuel. Wäre es anders, hätten die Pharisäer, die all das mit großem Eifer und einer schwer zu überbietenden Genauigkeit praktizierten, bei Jesu Anklang gefunden, hätte auch der reiche Jüngling keinen Anlass gehabt, in der Gegenwart Jesu traurig zu werden (vgl. LK, 18, 18-23).
Der christliche Glaube, so lässt sich daher wohl mit Fug und Recht sagen, wird nur dann auf Gott wohlgefällige Weise gelebt, wenn er selbst die Form des Kreuzes annimmt, dass heißt, wenn er sowohl horizontal, als Beziehung zu Gott, wie auch vertikal, als Beziehung zu unseren Mitmenschen, gelebt wird. „Kain“, schreibt der heilige Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Evangelium vitae“, „will nicht an den Bruder denken und lehnt es ab, jene Verantwortung, die jeder Mensch gegenüber dem anderen hat, zu leben. Das lässt uns unwillkürlich an heutige Bestrebungen denken, die den Menschen seiner Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen entheben wollen; Anzeichen dafür sind unter anderem das Nachlassen der Solidarität gegenüber den schwächsten Gliedern der Gesellschaft, wie den Alten, den Kranken, den Einwanderern, den Kindern gegenüber, und die häufig zu bemerkende Gleichgültigkeit in den Beziehungen der Völker untereinander, selbst dann, wenn fundamentale Werte wie das Überleben, die Freiheit und der Friede auf dem Spiel stehen“ (Kap. 1, Ziff. 8).
Auch wenn die Enzyklika „Evangelium vitae“ in erster Linie Fragen des Lebensschutzes behandelt, so vermag der Rahmen, den der heilige Johannes Paul II. seinem Lehrschreiben gab, doch auch all jenen korrigierend zu helfen, die sich, wie Felix Hornstein offenbar berechtigt fühlen, Menschen zur „stabilitas loci“ zu verpflichten, die andernorts vor Hunger sterben oder unter bitterer Armut leiden.
Dabei hat das Hornstein’sche Diktum „Lebe du dein Leben, dann kannst auch du ein gelingendes Leben führen!“ durchaus etwas für sich. So etwa, wenn es dazu führte, einen handwerklich begabten jungen Menschen vor der Aufnahme eines Mathematik-Studiums zu bewahren, das er nur deshalb ergreifen will, weil die Wirtschaft Mathematiker händeringend sucht. In den Kontext aber, in den Felix Hornstein es stellt, klingt es wie purer Zynismus. Oder ist es vorstellbar, dass der Satz „Lebe du dein Leben, dann kannst auch du ein gelingendes Leben führen“ beispielsweise von den „Müllmenschen“, die dazu verdammt sind, auf der Insel Cebu auf den Philippinnen, im Slumviertel Al-Duwayqah vor den Toren Kairos oder in Brasilias Vorstadt Estrutural ihr Leben mit den Abfällen anderer zu bestreiten, als freundschaftlich gemeinte Aufmunterung betrachtet werden könnte? Oder von den psychisch Kranken, die an der Elfenbeinküste als „Kettenmenschen“ an Bäumen gefesselt ihr Dasein fristen, weil ihre eigenen Familien fürchten, sie seien von bösen Geistern besessen? Können die Menschen in Eritrea überhaupt „ihr“ Leben leben? Oder ist es nicht vielmehr so, dass sie ein Leben führen müssen, dass ihnen, ebenso wie den Sklaven früher Zeiten, von anderen so brutal wie menschenverachtend zugewiesen wurde?
Auch das Deutschland, das Herr Hornstein, wie uns scheint, ebenso ängstlich wie eifersüchtig vor Migranten zu schützen sucht und dessen Abriegelung er als „heilige Pflicht“ zu begreifen scheint, ist nicht in seiner jetzigen Gestalt vom Himmel gefallen. Es ist das Ergebnis vieler historischer Prozesse, an deren Anfang nicht nur ebenfalls eine Völkerwanderung stand, es ist auch mit das Ergebnis tatkräftig gelebter Nächstenliebe jener, die „Gott sei Dank“ zwischen der hier lebenden Bevölkerung und dem sie und die Welt tyrannisierenden Nazi-Regime zu unterscheiden verstand. Wir vermuten, dass beim nochmaligen Nachdenken auch Herr Hornstein sich glücklich schätzen wird, dass die Alliierten, als Deutschland in Trümmern lag, etwa den Marshall-Plan ersannen, statt uns das Hornstein’sches „Lebe-du-dein-Leben“ zu pfeifen.
Niemand kann Gott lieben und seinen Geschöpfen mit Gleichgültigkeit begegnen. Wessen Herz etwa für eine würdige und feierliche Liturgie schlüge, sich aber verschlösse, sobald ihm Christus statt unter der Gestalt des Brotes im Leib des Nächsten begegnet, muss sich vorwerfen lassen, Wesentliches der christlichen Existenz noch nicht verstanden zu haben. Denn im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) lässt Jesus keinen Zweifel daran, dass tätige Nächstenliebe kein Luxus ist, auf den ein Christ auch verzichten könnte.
Dem Gesetzeslehrer, der ihn auf die Probe stellen will und fragt: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen“, antwortet Jesus zunächst mit einer Gegenfrage: „Was steht im Gesetz? Was liest Du dort?“ Als dieser antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken und Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“, lobt Jesus ihn nicht nur, sondern verspricht: „Handle danach und du wirst leben“ (vgl. LK 10, 25-28).
Wie unser Herr sodann im weiteren Verlauf des Gleichnisses verdeutlicht, ist weder die Reichweite der Nächstenliebe noch ihr Adressatenkreis in das Belieben des Christen gestellt. Auch wenn es zweifellos eine Hierarchie der Liebe gibt, so ist doch der Kreis derer, denen Christen mit Nächstenliebe begegnen müssen, doch weit größer als der der Familie und Freunde.
Der unter die Räuber Gefallene, dessen sich der barmherzige Samariter annimmt, war diesem fremd. Gleichwohl ist die Hilfe, die er ihm zuteil werden ließ, umfassend: Er „goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am anderen Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (LK 10, 34-35).
In vielen Gesellschaften, die zum christlich-abendländischen Kulturkreis zählen, ist die tätige Nächstenliebe längst weitgehend professionalisiert und institutionalisiert worden. Das hat – für die Nutznießer – viele Vorteile, für den Christen aber auch manchen Nachteil. So bleibt es ihm nicht erspart, gewissenhaft zu prüfen, ob er dem Gebot der Nächstenliebe durch Steuern, Sozialabgaben und Spenden bereits hinreichend nachgekommen ist oder ob er darüber hinaus „Werke der Barmherzigkeit“ leisten sollte, zu denen bekanntlich auch das Beherbergen von Fremden und Obdachlosen gehört.
Dabei gilt selbstverständlich, dass niemand moralisch zu etwas verpflichtet ist, das er nicht leisten kann. Das gilt sowohl für den Einzelnen, wie für eine Gemeinschaft. So gesehen gibt es in der Flüchtlingsfrage tatsächlich eine faktische Obergrenze. Und weil das so ist, ist es nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, dass sich Politiker wie Bürger Gedanken darüber machen, wie sie organisatorisch mit der Flüchtlingskrise umgehen, welche Signale sie wohin aussenden und wann sie möglicherweise eingestehen müssen, dass ihre Kapazitäten erschöpft sind.
Völlig inakzeptabel aber ist es, wenn Christen sich als Bürger und den Staat, in dem sie leben, dort für unzuständig erklären, wo Hilfe für Menschen gefordert ist, die unter die Räuber von heute gefallen sind.
Was Herr Hornstein hierzu am Ende seines Essays schreibt, erfordert erneut entschiedenen Widerspruch. Nicht nur, weil es einen „fundamentalisch christlichen“ Staat so wenig geben kann wie einen schwarzen Schimmel. Sondern vor allem, weil der „Gewissenskonflikt“, vor dem Felix Hornstein vom Staat bewahrt werde möchte, erst da entsteht, wo ein Katholik seine Existenz in eine (staats)bürgerliche und eine christliche aufspaltete. Anders formuliert, ein wahrer Christ mag ein deutscher Katholik, nicht aber ein katholischer Deutscher sein. Auch kann ein patriotisch gesinnter Katholik eine respektable Person sein; wir kennen derer viele. Ein katholischer Patriot wird dagegen immer eine Witzfigur bleiben. Das kann auch nicht anderes sein. Denn die eigentliche Heimat des Katholiken ist der Himmel, nicht das Stück Scholle, das er während seines irdischen Lebens vorübergehend bewohnt.
Staat und Vaterland sind Güter, die Christen schätzen sollten, aber sie sind historische Gebilde und keine metaphysischen. Wer ihnen einen solchen Charakter zuweist, begibt sich in völkische Gewässer und läuft Gefahr, in ihren Untiefen in Seenot zu geraten.
Wenn Christen vor der Wahl stehen, ob sie ihr Vaterland frei von fremden Einflüssen halten oder Notleidenden Zuflucht bieten sollen, tun sie schon im eigenen Interesse gut daran, sich für Letzteres zu entscheiden. Andernfalls sollten sie darauf gefasst sein, dass der Herr, wenn sie vor ihm stehen werden, die Worte wiederholt, die der Evangelist Matthäus auch für uns festgehalten hat und die da lauten: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“ (Mt 25,45).


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