Alexander Kisslers Hausrezepte 6-7/2012
Innere Verzwergung
Manchmal ist alles furchtbar leicht, wollen alle das Beste, das wunderbarerweise Dasselbe ist, planetarische Glückseligkeit breitet sich aus: Wer ist denn nicht für Nächstenliebe und Solidarität und gegen soziale Ungleichheit? Sahra Wagenknecht mag da ebenso wenig abseits stehen wie geschätzte 95 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Weil dem so ist, warb die atheistische Kommunistin auf dem „Katholikentag“ des Zentralkomitees für eine engere Zusammenarbeit von Kirche und „Linkspartei“. Jeder, der die gesellschaftliche Gerechtigkeit stärken will, sei herzlich eingeladen, sich bei der „Linkspartei“ zu engagieren.
Jesus aber war nicht nur, wie das Buch eines evangelischen Theologen klarstellt, „kein Vegetarier“. Er war ebenso gewiss kein Kommunist. Gerade wurde eine Streitschrift mit dem Titel „Jesus, der Kapitalist“ angekündigt. Der Unterschied zwischen den sozialistischen Gerechtigkeitsphantasien und dem christlichen Gerechtigkeitsimperativ ist gravierend. Er passt in kein Weihrauchgefäß. Wenn Sozialisten und die vereinigte Sozialdemokratie aus SPD, CDU, Grünen von Gerechtigkeit reden und Solidarität, dann denken sie an den Staat. Er soll weiter wachsen, damit er Gerechtigkeit zuteile und Solidarität verwalte. Der feiste Hegemon – ein Garfield in Bürokratengestalt – soll den Bürger der Sorge um den Mitbürger entheben, indem er allen die Taschen leert. Vor Gott und dem Staat soll jedes Menschenwesen gleich bedürftig erscheinen.
Biblisch ist das nicht, christlich nicht, katholisch nicht; wenngleich vom allgemeinen Staatstaumel längst führende Kreise der Kirche infiziert sind – die Diözese Rottenburg-Stuttgart und ihr Caritasverband etwa, die beide ins selbe Horn blasen, wenn sie das Betreuungsgeld ablehnen, die staatliche „Kleinkindbetreuung“ preisen, die „Kita“ selig sprechen und das elterliche Erziehungsrecht gering achten. „Der Ausbau der Betreuungsplätze für unter Dreijährige ist ohne Alternative“, ließen Bistum und Caritas verlauten. So redet, wer dem Staat neue Untertanen zutreiben will und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen nicht so recht über den Weg traut.
Was nämlich kam durch das Christentum einst in die Welt? Der Soziologe Franz Kromka erinnert an eine fast vergessene Wahrheit: „Im Gegensatz zu anderen Religionen rückt das Christentum das Individuum mit seiner unsterblichen und nach ihrem Heil strebenden Seele in den Mittelpunkt. Die Person existiert vor dem Staat und der universale Gott mit seiner Gerechtigkeit und vor allem Barmherzigkeit über dem Staat.“ Die Gründerväter der sozialen Marktwirtschaft sahen genau aus diesem Grund Christentum, Freiheit und Markt schicksalshaft aufeinander bezogen. Für Wilhelm Röpke war bekanntlich der Mensch das Maß der Wirtschaft, das Maß des Menschen aber sein Verhältnis zu Gott. Wo diese Letztverankerung schwindet, so Röpke 1958, entstehe „die geistig-moralische Zwergwuchsrasse, die sich willig, ja freudig, weil erlöst, zum Rohstoff des modernen kollektivistisch-totalitären Massenstaats gebrauchen lässt.“
Totalitär wird man unsere bräsige Bundesrepublik nicht nennen wollen. Die Freiheitsräume jedoch des Denkens und Entscheidens schwinden. Die innere Verzwergung schreitet voran. Das Individuum gilt als Problem, weil es das reibungslose Funktionieren technischer oder staatlicher „Prozesse“ behindere. Der Staat soll alles richten und richtet über den Menschen. Das Leben wird zum fortwährenden Tribunal. Das freiwillige Geben hingegen, die konkrete Hilfe von Aug‘ zu Aug‘ schärfte Jesus seinen Jüngern ein.
Der Samariter beugte sich herab und wurde so zum Nächsten. Wäre er ein Deutscher unserer Tage, er hielte eine mitleidige Rede und gäbe dem Überfallenen den Ratschlag, sich doch an das nächste Staatskrankenhaus zu wenden. Auf dem Weg dorthin aber wäre er verblutet.
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Balthasar
Geschrieben am 2012-06-24 12:33:47
Das, Herr Schaaf, ist leider ein arg verwirrter Leserbrief. Wem nutzt der eigentlich? Der Bildungsbericht, den Sie vermutlich meinen, ist wissenschaftlich umstritten und seinerseits ideologisch vorgefärbt. "Betreuungsgeld" kann man nicht das Wort reden, höchstens "dem Betreuungsgeld". Wo bitte sehr wird im Artikel ein Bezug zur FDP hergestellt? Sie schreiben sehr unsachgemäß.
Michael J. Schaaf
Geschrieben am 2012-06-24 09:56:16
Der Artikel ist sicherlich sachlich und fachlich sehr oberflächlich gehalten und strotzt nur so von Allgemeinplätzen.
Demokratie und Staatsverständnis ist nicht mit der FDP Klientelpolitk zu erklären; was ist ein "Staatskrankenhaus"? Was meint Sozialismus? Betreuungsgeld wird hier das Wort geredet; wenn der neue Bildungsbericht gerade das gegensätzliche sagt; hier eine verwirrte und unsachgemäße Polemik. Wem nützt die eigentlich?Alexander Kissler
Geschrieben am 2012-06-22 12:38:06
Werte(r) K. Schenk,
die derzeitige FDP und den Liberalismus halte ich für zwei Paar Stiefel. Insofern wäre das Dehler-Haus vermutlich nicht erfreut, wenn es diesen Text erhielte. Sie können ihn aber gerne weiterleiten. Herzliche Grüße!K. Schenk
Geschrieben am 2012-06-21 18:29:29
Übrigens:
"...soll den Bürger der Sorge um den Mitbürger entheben, indem er allen die Taschen leert.".Bei manchen Spekulanten und Oligarchen ist diese Tasche so gefüllt,
dass er sie, sollte er ihnen um den Hals hängen, wie ein schwerer Mühlstein
in den Abgrund reißt.K. Schenk
Geschrieben am 2012-06-21 18:23:12
Jesus war wohl kein Kommunist. Aber sind Sie sich zu 100% sicher. Er war wohl auch
kein Liberaler (FDP), was der Leser aber glauben könnte, wenn er Ihren Beitrag liest.
Senden Sie diesen doch an das Thomas Dehler Haus. Da wären man sicher sehr dankbar
dafür. Allerdings spricht man dort im Allgemeinen wohl nicht sehr viel über Jesus.
Und: einem Gesellschaftssystem, an dem sich einige mit Spekulationen um Millionen oder gar Milliarden bereichern kann Jesus mit Sicherheit nichts abgewinnen.
Ebensowenig führt staatliche Fürsorge zum Erstickungstod des Engagements einzelner.
In einem Punkt gebe ich Ihnen recht: der Staat sollte nicht die Kinder - schon gar nicht Kinder unter drei - erziehen.
Mit freundlichen Grüßen.Haid Barbara
Geschrieben am 2012-06-21 16:55:40
Wie wohltuend! So könnte das staatsgemachte "schlechte Gewissen" selbst-denkender Mütter entlarvt werden. Der Mensch ist heute nichts anderes als 1958,nämlich Mensch und es gelten dieselben Wahrheiten! Danke, besonders fürs Röpke-Zitat, das ich hier mit Vergnügen wiederhole:,„die geistig-moralische Zwergwuchsrasse, die sich willig, ja freudig, ... gebrauchen lässt.“
Alexander Kissler
Geschrieben am 2012-06-19 17:08:53
Ja, Herr/Frau U. Frank, das wäre durchaus möglich. Das Finanzamt entscheidet, wem ich Nächster sein darf. Immer schon aufkommensneutral, versteht sich.
U. Frank
Geschrieben am 2012-06-19 09:55:55
Ach Herr Kissler,
der Schluß ist zu pessimistisch: der heutige Samariter hätte eher ein Taxi gerufen, dem Verwundeten versichert, das würde schon die Krankenkasse zahlen und sich dann beim Steuerberater erkundigt, ob er das Handygespräch als gemeinnützig von der Steuer absetzen könne.


