Deutsche Nationalkirche 6-7/2012
Der Letzte macht das Licht aus
Bei weißhaarigen Büchsenwerfern, Jack-Wolfskin-Lagerfeuern und Sarah Wagenknecht
Matthias Matussek erzählt von seinem Mannheimer Katholikentag
Der 98. Katholikentag in Mannheim war wie seine Vorgänger geprägt von dem kollektiven Wunsch, die ganze Welt zu umarmen, aber eben nur nicht die eigene Kirche. Da gibt es zu tun, man weiß gar nicht wo man anfangen soll. Deshalb trägt der typische Kirchentagsbesucher auch diese Jack-Wolfskin-Anoraks mit den hundert verschiedenen Taschen, in denen man das Werkzeug vermuten darf, mit dem a) die Welt repariert und b) die neue Kirchenleitung installiert wird, ganz im Geiste des Mottos „Einen neuen Aufbruch wagen“.
Offenbar hat dieser Aufbruch mit Zelten zu tun.
Da gab es etwa den „Aggiornamento“-Wettbewerb, also den Preis für „Weltzugewandtheit“, womöglich als Trotz auf die oft missverstandene Papstrede der „Entweltlichung“.
Es gab den Multikulti-Spaziergang zwischen Kirche und Moschee, und für alle, die an der „Reformfähigkeit“ der katholischen Kirche endgültig verzweifeln, Workshops über die „Spiritualität des Sufismus“. Natürlich auch Gruppen zur Gläubigkeit von Müttern, Männern, Homosexuellen, Lesben und Transgender, und Podien wie „Wir jammern nicht – wir haben einen Plan“.
Meines hieß „Crisis? What Crisis?“, und natürlich war ich nicht der einzige, der den Titel mit einer Supertramp-Platte aus den siebziger Jahren in Verbindung bringen könnte. Sagen wir so: Der durchschnittliche Kirchentagsbesucher trägt zu Jack-Wolfskin-Jacke und rotem Rucksack weiße Haare.
Ein gut besuchtes Auditorium in der Stadthalle. Viel Jack-Wolfskin. Kardinal Walter Kasper beschwört, so kurz vor Pfingsten, das Zweite Vatikanum, das mit der päpstlichen Hoffnung auf ein „erneuertes Pfingsten“ begann. Und dann zieht er Bilanz:
„Es wäre undankbar, wenn wir nicht die vielen positiven Entwicklungen anerkennen würden, die es seither gegeben hat: Die Erneuerungen in der Liturgie mit der aktiven Beteiligung der Gemeinde, die biblisch erneuerte Spiritualität, die neuen geistlichen Bewegungen, die Fortschritte in der Ökumene und vieles andere. Trotzdem, von einem erneuerten Pfingsten mag bei uns wohl keiner sprechen. Im Vordergrund des Bewusstseins steht heute, fünfzig Jahre später, die Rede von der Krise, in der sich die Kirche bei uns in Deutschland und in Westeuropa befindet, während in anderen Teilen der Welt die Kirche wächst, lebendig und jung ist, und in vielen Ländern verfolgt wird und sich als Kirche der Märtyrer in der Verfolgung bewährt.“
Besser hätte man es nicht auf den Punkt bringen können. Zweifellos hat sich die Kirche geöffnet, aber zweifellos ist das Krisengerede bei uns angeschwollen, und zweifellos ist unsere Kirche, die deutsche, trotz aller Jack-Wolfskin-Überlebensspezialisten eine entkräftete Kirche. Und Kasper wirft einen Blick in die Zukunft, und der sieht nicht schön aus.
„Die Schlüsselherausforderung“ für die Kirchen in Westeuropa, so Kasper, und er zitiert eine Erhebung der Universität Chicago, „ist die Gottesfrage“, denn bei uns ist sie irrelevant geworden. Gott wird nicht mehr bekämpft wie noch vom klassischen Atheismus des neunzehnten Jahrhunderts – er ist einfach uninteressant geworden. Die Menschen „leben, als ob Gott nicht wäre“.
Unsere Kirche ist nicht mehr die Volkskirche, in der Kasper (und auch ich noch zum Teil) aufwuchsen. Sie wird zunehmend eine Kirche der Entscheidung, des erwachsenen Bekenntnisses. Deshalb müsse es heute, so Kasper, noch viel mehr als früher darum gehen, „Zeugnis abzulegen“. Ohnehin werde die Kirche in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren enormen demographischen Änderungen unterworfen sein. Dann nämlich sind die heute sechzigjährigen reformbegeisterten Jack-Wolfskin-Veteranen auf dem Weg, sich dem letzten Richter und seiner Güte anzuempfehlen.
In der anschließenden Diskussion überwog der Beifall für den klugen Kardinal Kasper, der nun wirklich ALLE mitnahm in ein beflügelndes, neues kirchentreues Pfingsten, und natürlich gab es das Buhkonzert für mich Rüpel, der ich die Zölibatsdiskussion und die um die Frauenordinierung für unwesentliche Geplänkel hielt und den römischen Zentralismus verteidigte – und den Papst, und natürlich die Millionen von hingerissenen „Youcat“-Jugendlichen, die ich in Madrid erlebt hatte.
Aber bei denen hatte ich mich sowieso wohler gefühlt, weil sie mir eine junge, stolze, selbstbewusste Weltkirche vorführten.
Abends dann, nach dem üblichen bunten Kirchentags-Treiben (Büchsenwürfe für pakistanische Waisenkinder, Nikolaus-Aktion mit Schoko-Nikoläusen) und Eventhopping (Häppchen mit Julia Klöckner bei der FDP) ein wunderbares Thai-Essen mit Manuel Herder und Sabatina James, der Konvertitin, die ich in der „Salafismus“-Talkshow mit Sandra Maischberger schmerzlich vermisst hatte. Sie war eingeladen und wieder ausgeladen worden. Ich sprach mit ihr. Sie bat mich, hinzugehen. „Besser du als irgendein anderer.“
Es war ein Himmelfahrtskommando. Eine der Salafisten-Weisheiten des Abends lautete: „Jesus war Moslem“. Die andere, die von einer hassverzerrten türkischen Schauspielerin in meine Richtung geschleudert wurde: „Sie sind die andere Seite der Medaille zu den Salafisten, weil sie einer totalitären Religion anhängen.“
Hm. Vielleicht sollten wir doch von den Salafisten lernen? Aufhören mit diesem Multikulti- und Transgender-Schwachsinn und damit, mit all unseren Jack-Wolfskin-Abenteurern am Lagerfeuer herumzusitzen und darüber zu palavern, wie wir die Kirche abreißen? Stattdessen mal wieder für Glut im Bekenntnis-Ofen sorgen?
Sabatina, die Pakistanerin, die in Österreich aufwuchs, ist von diesem umwerfenden Bekenntniseifer. Sie übrigens wurde nicht von einem Katholiken, sondern von einem Evangelikalen angesprochen und bekehrt. Und sie, tatsächlich, legt Zeugnis ab, als eine, die seit ihrer Konversion zum Christentum mit dem Tod bedroht wird. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass WIR fünfzehn Millionen Bibeln drucken... oder zumindest fünfzehn Millionen Youcats!
Mit von der Partie war Manuel Herder, der ein inspiriertes Projekt zu und mit Texten unseres Heiligen Vaters plant, eine Reihe im Zeitungsformat, eingedenk der Tatsache, dass dieser Papst durch sein Wort wirkt und nicht wie der Vorgänger durch Bild und mystische Versenkung.
Der Abend klang für uns aus mit dem Besuch der großen „Konzilsgala“, auf der mehrere tausend weißhaarige Verbandskatholiken sich gegenseitig auf die Schulter klopften (erste Reihe: Schavan, Lehmann, Vogel) für ganz sicher applauswürdige Hilfs- und Lernprojekte, wie etwa: „Was können wir alles aus Holz machen?“ oder „Wir streichen ein Altersheim“.
Das Streichen allerdings blieb dann den Jugendgruppen überlassen. Geehrt wurden meist solche Honoratioren, die bereits selber auf dem Weg ins Altersheim sind, das dann von begeisterungsfähigen Jugendlichen angestrichen wird. Bis auf den „Bergische Jung“ Willibert Pauels eine doch recht öde Angelegenheit.
Am nächsten Morgen war ich erneut gebeten, mir zur Krise Gedanken zu machen, diesmal unter dem Titel: „Kirchliche Einflussnahme und Entweltlichung – Was hat die Kirche in der Politik zu suchen?“ Und da der Titel so lang war, war auch der Teilnehmerkreis größer.
Kurz gesagt: Ich war mir mit dem Attac-Kämpfer und katholischen Sozialethiker Professor Doktor Friedhelm Hengsbach SJ (und Jack-Wolfskin-Anorak) einig darin, dass man es mal ohne Kirchensteuer versuchen sollte. Aber der Papst, sagte ich, soll seine „Pracht-und Prunk-Gewänder“ behalten, weil ich sie a) schön finde, und weil sie b) gar nicht ihm gehören, sondern c) der Kirche und ihre Tradition und Festigkeit in zweitausend Jahren symbolisieren, an der auch deutsche Kirchentage nicht rütteln werden. (Lautes Buuuuhh!)
Sarah Wagenknecht (gewohnt sittsames, wenn auch rotes Strickkleid) war sichtlich überwältigt von der Sympathie, die ihr hier von Jack-Wolfskin und Anhang entgegenschwallte. Nicht wenige wollten wissen, ob die Linke auch katholische Mitglieder akzeptieren würde. Aber klar, und was Sarah dann ausführte, klang so sanft und richtig und vage Bergpredigt-orientiert, dass man die blutigen Sohlenspuren total übersehen konnte, die die Vorgänger der Linken auf ihrem Weg in der Mitte der Demokratie hinterlassen haben. Auch ich fand Sarah Wagenknecht hinreißend, weil sie die Zivilverteidigung in der DDR mit einem Hungerstreik boykottiert hatte, aber drei Tage vor dem Mauerfall in die in sich zusammenstürzende SED eingetreten war – das ist absurder Punk, der mir dann doch Respekt abnötigt.
Erst später las ich nach, dass dieser Kirchentag enorm erfolgreich war, dass er aber seinem Motto nicht gerecht wurde. Wieder einmal habe die Kirchenleitung versäumt, „einen neuen Aufbruch zu wagen“. Aber das ahnte ich schon vorher. Wie arrogant von der Weltkirche, nicht auf die Beschlüsse der Mannheimer Lagerfeuer einzugehen.
Die werden immerhin von unseren Brüdern und Schwestern der Nachbarkirche gehört, denn die kleiden sich in den gleichen Jack-Wolfskin-Boutiquen ein. Der protestantische Kritiker fand, dass sich die katholische Kirche von der Bibel entfernt habe. Sehr viele Katholiken, den Eindruck hatte ich, haben sich diese doch eigentlich schon fast fünfhundert Jahre alte Überzeugung jetzt erst zu eigen gemacht und wären eigentlich bereit für einen Übertritt, wenn sie... Moment....nicht in die bodenlose Leeeeeere fallen würden, denn auch Luthers Verein löst sich gerade auf. Wieder einmal: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
Norbert Lammert mahnte einmal mehr zu zivilem Ungehorsam gegenüber der totalitären Kirchenspitze und wird wahrscheinlich Gleichlautendes im oben erwähnten Altersheim bis zu seinem hoffentlich noch lange ausstehenden letzten Atemzug fordern.
Aber es hört ihn keiner mehr. Denn draußen hat längst der letzte deutsche Katholik das Licht ausgemacht.
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