Renouveau Catholique 2/2012
Von der Traurigkeit, kein Heiliger zu sein
Eine Sprache, die zu Christus führt. Plädoyer für eine Kanonisierung von Léon Bloy, des literarischen Gewährsmanns für Denker und Dichter, die nicht nur den Willen haben, zu zweifeln, sondern auch den Willen, zu finden
von Alexander Pschera
11. Juni 1906. Paris, St-Jean-de-Montmartre. Jacques Maritain, seine Frau Raïssa und ihre Schwester Vera empfangen das Sakrament der Taufe. Maritain wird in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten theologischen Autoren in Frankreich. Sein Denken soll den Dialog zwischen Christentum und Moderne eröffnen – nicht, um die Inhalte und Formen des Glaubens der neuen Zeit anzugleichen, sondern um das Wertvollste dieses Glaubens im Licht des Jetzt noch heller leuchten zu lassen.
In der Kirche am Hügel von Montmartre steht an diesem Tag auch Léon Bloy. Denn er ist der Taufpate der Maritains, er hat sie zum Glauben geführt. Ein langer Weg der Suche, dessen Beginn Maritain in Dankbarkeit und mit eindringlichen Worten beschrieben hat, findet an sein Ziel: „Am 25. Juni 1905 stiegen zwei junge Menschen von zwanzig Jahren die endlose Treppe hinauf, die zum Sacré-Cœur führt. Sie trugen in sich jene Bedrängnis, die das einzige ernsthafte Produkt der modernen Kultur ist... Sie schritten einem sonderbaren Bettler entgegen, einem Verächter der Philosophie, der von den Dächern die göttliche Wahrheit verkündete, einem bis zum letzten gehorsamen Katholiken, der seine Zeit und diejenigen, welche hier unten ihre Seligkeit finden, mit mehr Freiheit verurteilte, als es alle Revolutionäre der Welt tun. (...) Kaum hatten sie die Schwelle seines Hauses überschritten, wurden alle ihre bisherigen Werte wie durch eine unsichtbare Macht auf den Kopf gestellt. Man wusste oder erahnte es: Es gibt nur eine Traurigkeit, nämlich jene, kein Heiliger zu sein.“
Hundert Jahre später. Ein elegantes Zimmer, mitten im vornehmen Paris. Ein Interview. Der katholische Journalist Marc Leboucher im Gespräch mit dem französischen Schriftsteller Jean-Marie Rouart. Das Gespräch wird später unter dem Titel Libertin et Chrétien veröffentlicht. Es geht um den Glauben, die Hoffnung, die Liebe. Um das Leben also. Es ist ein mondäner Kontext, in dem das Gespräch stattfindet. Immer wieder weicht der Figaro-Autor und ehemalige Freimaurer Rouart der Idee des konkreten Leidens aus, deutet den Schmerz symbolisch als etwas, das einmal stattgefunden hat und in dessen Licht wir heute stehen. Man spürt, wie er den Kern der christlichen Botschaft aufweicht, wie er Umkehr und Neuanfang rhetorisch wegargumentiert. Doch dann kommt das Gespräch zu Bloy, und jetzt wird der zweifelnde Intellektuelle auf einmal nachdenklich: „Es gibt einen berühmten Satz, ich glaube, er stammt von Pascal: ‚Jesus Christus agonisiert bis zum Ende der Welt, in dieser Zeit sollte man nicht schlafen.‘ Wie Hiob, wie die biblischen Propheten, die ihre Könige und ihre Zeitgenossen beleidigten, schreit auch Bloy bis zum Äußersten. Und er tut das genussvoll, in einem ausgreifenden Sprachjubel.“
Zwei Szenen, ein Gedanke: Léon Bloy als Lebensbegleiter. Bloy ist kein Autor, den man einfach so im Bücherregal stehen hat. Das Regalbrett brennt, in dem Bloy steht. Er ist auch kein Autor, den alle kennen. Er gehört den Wenigen, den happy few. Doch wer ihn einmal kennen gelernt hat, der kommt nicht mehr los. Und so klein ist die Gemeinde nun auch wieder nicht: Je länger man sucht, desto mehr persönliche Bloy-Geschichten, ja Bloy-„Bekehrungen“ findet man. Bloy ist der literarische Hausheilige von Intellektuellen, die sich eine metaphysische Offenheit bewahrt haben und die es sich vom Zeitgeist partout nicht nehmen lassen, auf der Suche zu bleiben – und zwar „ergebnisoffen“, wie man heute sagt. Bloy ist katholischer Gewährsmann für jene Denker und Dichter, die nicht nur den Willen haben, zu zweifeln, sondern auch den Willen, zu finden. Bloy ist anziehend, weil er intellektuell redlich ist und weil der Wille, der nach Schopenhauer und Nietzsche ein blinder Wille zum Nichts ist, bei ihm sehend wird. Der Wille zum Glauben: Diese Umkehrung des neunzehnten Jahrhunderts auf Gott hin ist das, was Bloy zu einem Faszinosum macht.
Ein zweites kommt hinzu: Bloy leitet zu Christus. Zu Bloy kann man zurückkehren, weil Bloys Leben, das auf tausenden Tagebuchseiten festgehalten ist, eine für Geistesarbeiter nachvollziehbare imitatio christi darstellt. Die dichterische Askese verschmilzt mit der Askese des Gottesnarren. Künstlerische und intellektuelle Arbeit sind Aufopferungen von Lebenszeit, und sie führen oft auch zu einem Leben in Entbehrung. Bloy war bereit, für seine Kunst zu leiden, und dem zollt man Respekt.
Bei Bloy einkehren heißt, bei einer Sprache einkehren, die nicht nur schön, sondern auch machtvoll ist und bei aller Mehrdimensionalität auch eindeutig – bei einer Sprache, die sich nicht im Artifiziellen und Selbstbezüglichen verliert, in der Willkür der Ornamente, sondern die im Benennen des Gegebenen stark ist und die im Dienst der Wahrheit steht. Die Wahrheit (und nichts anderes als die Wahrheit): Das ist die große Idee, die Bloy anziehend macht. Diese Wahrheit äußert sich nicht in trockenen Paragraphen, sondern in einer Feuerschrift, die den finsteren Horizont der transzendental obdachlosen Moderne erhellt. Ja, auch das Pathos und die Inbrunst sind Qualitäten, die man Bloy gerne verzeiht. Rückkehr zum Pathos ohne Abfall von der Vernunft – solch scheinbar paradoxe Kopplungen machen Bloy erles- und erlebbar. Das ist sein voraufklärerischer Zug, der jeden aufgeklärten Menschen, der mit sich selbst nur ein wenig ehrlich ist, fasziniert.
Das Räsonieren und Abwägen kommt dann naturgemäß an sein Ende: Nietzsche ist der Verkünder des Relativen, Bloy ist der Prophet des Absoluten. Irgendwann im Lauf des Lebens muss man sich für einen der beiden Standpunkte entscheiden. Wer Bloy, wie Maritain, persönlich begegnete, der war in wenigen Stunden überzeugt, dass er diesem Mann nur zuhören muss, um zu wissen, wohin die Reise zu gehen hat. Wer Bloys Texte liest – und hier sind neuerdings die sechstausend Seiten unveröffentlichter Tagebücher zu nennen, die bisher leider nur auf Französisch vorliegen –, für den ist es eine Form von symbolischer Präsenz, die sich ereignet. „Kaum hatten sie die Schwelle seines Hauses überschritten, wurden alle ihre bisherigen Werte wie durch eine unsichtbare Macht auf den Kopf gestellt“ – das Erlebnis Maritains ist auch das Erlebnis eines Bloy-Lesers, der durch die Buchseiten eine „unsichtbare Macht“ spürt, die ihn ergreift, die ihn aufrüttelt, die ihn erst umdreht und dann konvertiert.
Die Rückkehr zur großen Klarheit eines Léon Bloy ist eine Erneuerung, ein „Renouveau“, eine Entweltlichung. Kardinal Walter Brandmüller hat die Night Fever-Gebetsnächte bezeichnender Weise einen „Renouveau catholique“ genannt, der dem unbeweglichen Kirchenapparat zeige, wie Veränderung und Aufbruch aussehen kann. Damit spielt er auf den historischen „Renouveau catholique“ an, der einsetzte, nachdem die Französische Revolution und ihre Ausläufer alles zur Seite geräumt hatten, was das christliche Abendland einmal ausmachte. Klöster waren aufgelöst, Kirchen geplündert, der Papst entführt. Die heutige Situation mag äußerlich anders aussehen, innerlich ist sie vergleichbar. Auch unsere Zeit hat es geschafft, die Gesellschaft leerzuräumen – sie hat Symbole, heilige Zeichen und spirituelle Formen beseitigt oder zerstört und so die Verbindungen zum Jenseits gekappt. Sie hat das Heilige verweltlicht, sie hat es ins Diesseitige gezwungen und damit entkleidet.
Wie Chateaubriand und seine Nachfolger des „Renouveau catholique“ müssen auch wir mit der Sprache, diesem immateriellen und daher nicht final korrumpierbaren Medium, beginnen, um das Heilige zurückzugewinnen. Solange die Sprache der Kunst aber profaniert ist, wird Sprache dem Heiligen nicht dienen können. Nur ein Raum, in dem eine Sprache des Heiligen lebt, kann eine Sprache der Dichtung hervorbringen. Sonst bleibt auch Poesie positivistisch. So war das Ziel des historischen „Renouveau catholique“ eine katholische Erneuerung der Gesellschaft vor allem in und durch Sprache. Um das Mysterium des Lebens und Sterbens Jesu Christi zurückzugewinnen, es „sagen“ zu können, musste eine neue Sprache gefunden werden – eine Sprache, die sich von der politischen Kampfterminologie der Revolution ebenso abzusetzen wusste wie vom ausgeleierten Kirchenlatein der vorrevolutionären Zeit. Es ging um die Begründung einer Sprache, die wieder an das Geheimnis zurückführt. Literatur und Dichtung wurden zu Instrumenten der Gotteserkenntnis. Chateaubriand hat in seinem Génie du Christianisme diese Dopplung der einen Sprache in Kunst und Mysterium nachgezeichnet.
Bloy setzt hier an. Er konzentriert seine ganze Sprachkraft auf Jesus Christus und schafft so eine Ausdruckswelt, die zu einem Tor zum Jenseits wird. Er hat seine Imagination auf den Heiligen Geist gebündelt. Er hat seine Fantasie Gott hingegeben. Das ist für einen Sprachkünstler durchaus auch eine Form des Opfers: den unendlichen Möglichkeiten der Sprache keinen freien Lauf zu lassen, sondern sie der Wahrheit dienstbar zu machen. Nicht alles zu schreiben, sondern das, was dem Willen Gottes gehorcht. Dann wird Sprache unversehens stark und ehrlich, und dann wird sie erst wirklich geheimnisvoll, denn sie ist von Innen von einem Geheimnis ausgeleuchtet und gewärmt. Das sind dann gesteinigte Texte, die sich in den Wind des Widerspruchs stellen ohne zu wanken.
Diese gesteinigte Sprache ist die Sprache Bloys. Sie ist eine sich selbst verzehrende, nicht auf das Morgen spekulierende Fackel, die die Geheimnisse des Leidens und des Lebens, die immer die Geheimnisse des Jetzt sind, durchleuchtet. Es ist keine substantiell andere Sprache als die der großen Lyriker des französischen Symbolismus, auch wenn sie in Prosa verfasst ist. Sie ist schwierig, dunkel, mystisch, mitunter massiv und kantig, aber sie ist immer auch klar. Die Sprache der Symbolisten, die sich als Kristallisationspunkt der Moderne und Verdichtungspunkt des neunzehnten Jahrhunderts sehen lässt, ist ästhetisches Derivat dieses katholischen Geheimnisses, dem sie alles verdankt. In einer Sammlung wie Verlaines Sagesse fließt das alles zusammen: Schönheit, Ahnung und Wahrheit. Die Sprache des „Renouveau Catholique“ hat Rimbaud und Mallarmé erst ermöglicht, weil sie den Zugang zum Arkanum offen hielt. Diese Sprache, an der auch Bloy mitgearbeitet hat, ist eine Quelle der ästhetischen Moderne, weil sie dem Geheimnis und dem sagbar Unsagbaren, das der Positivismus abgeschafft zu haben glaubte, huldigte.
Die machtvoll-unklare Klarheit seiner Sprache hat Bloy zu einem Zufluchtsort für Intellektuelle gemacht, deren Gedanken an der Welt arbeiten und die, sich abarbeitend, zu keinem Ende, zu keinem Ergebnis kommen und schließlich der Versuchung verfallen, an der Welt zu verzweifeln, weil sie die rationale Formel nicht finden, die diese Welt zu erklären vermag. In Bloys Sprache verwandelt sich das künstlerische Geheimnis zu etwas noch Tieferem, zu etwas, das die Suche nach einer reinen Vernunftformel überwindet. Seine Gedanken durch die Tage nehmen den Leser mit auf eine längere Reise, als er vielleicht anzutreten bereit war: Das ästhetische Geheimnis enthüllt eine spirituelle Botschaft, einen tiefen inneren Glutkern. Die Ahnung des ewigen Lebens ist es, die die Hülle der Kunst als eine Ahnung des Wesentlichen durchscheint, und dieses Wesentliche ereignet sich im ganz banalen Alltag, in jeder Minute dieses Alltags. Eben dies sind Bloys Tagebücher: mystische Abdrücke eines geheiligten Alltags.
Bloy ist immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, die schlafende, schlummernde oder gar komatisch vor sich hin vergetierende Christenheit wachzurütteln. Vor allem in Krisenzeiten wird er virulent. In der Angst vor dem Verlust greift man zu jenem glühenden Buch im Regal. Zu Beginn der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine erste Bloy-Renaissance, dann wieder eine nach dem Zweiten Weltkrieg, und auch jetzt taucht dieser katholische Dichter wieder vermehrt in Interviews, Statements und Predigten auf. Deshalb: Es ist an der Zeit, Bloy zu kanonisieren, damit mehr ihn lesen als nur jene happy few. Doch der literarische Kanon ist nur die eine Seite der Medaille. Wieso sollte man nicht auch über die Beatifikation Léon Bloys nachdenken? Sicher, Bloy war ein Wüterich, ein Polemiker. Aber vieles davon war Pose, war die rhetorische Haltung eines miles christi. Bloy, dieser Märtyrer des Alltags, hatte einen heroischen Lebensweg, auf dem er seine Familie liebevoll pflegte und auf dem er auch zahlreiche Intellektuelle direkt oder indirekt konvertierte. Er hatte eine große Nah- und eine intensive Fernwirkung, die es lohnte, genauer betrachtet zu werden. Es gibt Menschen, die heute noch ihre Gebete an Bloy richten. Wenn die Lektüre der Texte von Bloy die Traurigkeit auslöst, kein Heiliger zu sein, dann sind diese Texte nicht „nur“ Literatur, sondern dann sind sie apostolische Instrumente, die unversehens – wie durch ein Wunder – auf der Rückseite von Gebetsbildern auftauchen.
Wie das geht, zeigt der Epilog: Ein Kloster in karger algerischer Gebirgslandschaft. Abbaye Notre-Dame de l‘Atlas. Hier leben neun Zisterzienser-Mönche. Einer von ihnen ist Mediziner. Die Bevölkerung nennt ihn „le toubib“. Seit 1947 ist er in Algerien. Er behandelt jedermann kostenlos, ohne Ansehen der Person. Er geht zu den Armen, er lebt mit den Leuten im Dorf, er ist ihr Freund. Am 21. Mai 1996 werden er und seine acht Brüder von einer islamistischen Terrorgruppe entführt und ermordet. Frère Luc liebte Apopthegmata. Immer wieder zitiert er die Kirchenväter und meditiert über ihre Worte. In seinem Nachlass fand man ein Bild der Mystikerin Marthe Robin. Auf der Rückseite des Bildes ein Satz von Bloy: „Das Paradies ist nichts für Morgen oder für Übermorgen oder für die nächsten zehn Jahre, wir treten heute in dieses Paradies ein, wenn wir nur arm und gekreuzigt sind“.
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