Titelthema 7/2016

 

Warum ist es sexy, katholisch zu sein, Doktor Lütz?

Ein Gespräch mit dem Psychiater und Erfolgsautor Manfred Lütz über das Ende des vatikanischen Laienrats, die Päpste unserer Zeit, die Krise der Kirche in Deutschland und die Sinnlichkeit des christlichen Glaubens

 

von Paul Badde

Doktor Lütz, gerade haben Sie im Vatikan den Laienrat mit beerdigt, dessen Mitglied Sie zwanzig Jahre lang waren. Gibt es ausgerechnet unter Papst Franziskus eine Reklerikalisierung der Kirche? Werden die Laien jetzt etwa wieder weniger wichtig?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Der Laienrat ist nicht beerdigt worden. Sondern es ist schon in der Generalkongregation vor dem Konklave offensichtlich darauf hingewiesen worden, dass es wichtig wäre, den Laienrat auf die Ebene der Kongregationen zu heben. Denn es gibt eine Kongregation für die Bischöfe, für den Klerus, für die Ordensleute. Da ist es nur sinnvoll, auch eine Kongregation für die Laien einzurichten, die ja die große Mehrheit der Gläubigen stellen. Kongregationen haben Entscheidungskompetenz, Räte eigentlich nicht, aber der Laienrat hat dennoch schon lange Entscheidungskompetenz für die Approbation geistlicher Gemeinschaften. Das heißt, vom ganzen System der Kurie her war es erforderlich, dass der Laienrat aufgewertet wurde und eine andere Form bekam.
 
... als fälliger Schritt?
 Ja, und zwar als ein Schritt, den wohl jeder neue Papst getan hätte.
 
Sie haben in Ihrer Zeit im Laienrat und in Ihrer Zeit in der Päpstlichen Akademie für das Leben drei Päpste von Nahem erlebt. Was können Sie uns über die drei sagen, über ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Wie würden Sie diese drei Päpste  charakterisieren?
Der heilige Papst Johannes Paul II. war jemand, der sehr stark von der Ethik herkam und damit von der Freiheit des Menschen. Seine Predigten waren aufrüttelnd und haben entscheidend zur Befreiung Osteuropas beigetragen. Er hatte die Gabe, Massen von Menschen vom Glauben zu begeistern und sie für Ideen zu gewinnen, die sie dann zum Handeln ermutigten. Papst Benedikt war und ist der große Theologenpapst, der kostbare Texte verfasste, die immer inspirierend waren und den Glauben vertieften. Er liebt das Einzelgespräch und ist wohl der gescheiteste Mensch, dem ich je begegnet bin.
Und Papst Franziskus wirkt sozusagen wie der engagierte Dorfpfarrer der ganzen Welt, er versteht sich vor allem als pastoraler Papst, der den Menschen ins Gewissen redet und die christliche Botschaft und auch das, was Benedikt theologisch gesagt hat, bis an die Ränder der Erde bringen will. Das beste Beispiel ist der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Da war es gerade Kardinal Ratzinger, der immer wieder darauf hinwies, dass die nicht exkommuniziert sind und dass die Kirche sich viel mehr um diese Menschen kümmern müsse. Darauf hörte aber kaum einer. Und Papst Franziskus will jetzt mit „Amoris laetitia“ auf diese Menschen zugehen und ich erlebe auch, dass das gelingt. Wer das Schreiben sorgfältig liest, stellt fest, dass kein Jota an der kirchlichen Lehre geändert wird, wie sie zuletzt der heilige Johannes Paul II. in „Familiaris Consortio“ niedergelegt hat. Das ist sogar der am meisten zitierte Text. Wer also Papst Benedikt und Papst Franziskus auseinanderdividieren will, widerspricht den Intentionen und auch klaren Aussagen beider, die sich ohne wenn und aber in einer Kontinuität sehen. Natürlich hat Papst Franziskus eine ganz andere Mentalität als sein Vorgänger, er bringt auch die ganze Unbefangenheit der Neuen Welt gegenüber alten europäischen Traditionen mit. Doch wenn es theologisch ernst wird, zitiert er immer gerne Papst Benedikt.
 
In Leipzig wurden Sie Zeuge, wie der deutsche Katholikentag so wenig Besucher hatte wie noch nie zuvor. Wie erklären Sie diesen Schwund?
Ich bin nicht sicher, ob es so wenige waren wie noch nie zuvor. Ich glaube, die Katholikentage hatten sich über die Jahre auf bestimmte Themen und Personen eingeengt.  In Regensburg habe ich gesehen, wie sich das Spektrum wieder etwas geweitet hat. Es ist ja wichtig, dass Katholikentage die katholische Kirche in ihrer Weite und Breite zum Ausdruck kommen lassen. So fand ich auch Leipzig  einen anregenden Katholikentag. Ich fand es eine gute und missionarische Idee, in eine ganz säkulare Stadt zu gehen, damit wir nicht immer nur unser katholisches Süppchen kochen, sondern auch unser atheistisches Umfeld ansprechen. Das ist zum Teil auch gelungen.

Keiner hat die katholische Kirche in Deutschland zuletzt so scharf kritisiert wie Papst Franziskus. Wie erklären Sie uns, dass diese Kritik so komplett überhört wurde und ohne jedes Echo blieb?
Na ja, ich fand die Kritik von Papst Benedikt an der deutschen Kirche in seiner berühmten Freiburger Entweltlichungsrede nicht weniger heftig. Ich war damals dabei und kann mich danach noch an fassungslose Kirchenvertreter erinnern. Ich habe dann mit Kardinal Cordes zusammen ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Benedikts Vermächtnis, Franziskus’ Auftrag: Entweltlichung“. Aber ich bin mir nicht sicher, ob alle schon die Signale gehört haben. Wir haben gut funktionierende Institutionen, das ist auch nicht schlecht. Aber hinter der schönen Fassade wird es immer leerer. Das meine ich nicht nur quantitativ, sondern vor allem auch geistlich. Ich frage mich manchmal, wenn ich sonntags in den Gottesdienst gehe, wer von den Gottesdienstbesuchern einem muslimischen Nachbarn noch erklären könnte, was Katholiken eigentlich glauben. Ich will da jetzt gar nicht rumjammern. Aber eine Kirche, die nicht mehr missionarisch ist, geht unter. Der katholischen Kirche als ganzer ist vom Herrn verheißen worden, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden, aber das gilt nicht für jede Regionalkirche. In Nordafrika gab es einmal blühende Kirchen, die untergegangen sind.

Aber nicht, weil sie nicht mehr missionarisch waren, sondern weil der junge Islam im siebten Jahrhundert missionarischer war.
Stimmt, das hatte andere Gründe. Aber wahr bleibt, dass bei uns zur Zeit viel Asche und wenig Glut ist und wir sind auch schon längst nicht mehr der Nabel der katholischen Welt. Die Kirche in Deutschland ist zwar noch immer finanziell sehr stark, aber geistlich ist sie schon lange eher ein peripheres Phänomen. Die Aufbrüche kommen aus anderen Weltgegenden.

Dass die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwinden werden, bezieht sich aber ausdrücklich auf die Kirche, die auf dem Fundament des petrinischen Felsens ruht. Doch ist dieses Fundament nicht gerade großen Veränderungen unterworfen? Befindet sich das Petrusamt der Päpste nicht gerade in einem gewaltigen Umbruch?
Das Petrusamt ist bei jedem Papst in einem Umbruchprozess. Wenn man die Päpste der letzten hundert Jahre betrachtet, hat jeder von ihnen dem Amt auf beeindruckende Weise ein neues Gesicht gegeben. Darin zeigt sich die Lebendigkeit der Kirche. Ich bin vor der Wahl von Papst Benedikt gefragt worden, was für einen Papst ich mir wünschen würde, und habe damals geantwortet: Ich wünsche mir einen Papst, der mich fruchtbar irritiert. Ein Papst ist doch nicht dazu da, mir dauernd zu sagen, dass ich Recht habe und dass es gut ist, wie es ist. Päpste sollen natürlich den Glaubensschatz bewahren. Aber das könnte auch ein guter Archivar. Päpste sollen aber den Glauben kraftvoll in ihre Zeit hinein auslegen, dafür brauchen wir sie. Sie sollen uns dabei anregen und manchmal auch aufregen, warum nicht? Wer hätte damals  wirklich gedacht, dass ausgerechnet ein Papst, ein Mann ohne Divisionen, den Ostblock zerbersten ließ. Und wie waren die Engländer überrascht, als Papst Benedikt, den man als „Panzerkardinal“ verspottet hatte, als liebenswürdiger bescheidener „holy grandfather“ vor ihnen stand.

Aber hat er Sie auch irritiert?
Papst Benedikt ist jemand, der mich wirklich mit fast jedem Text überrascht und angeregt hat, schon als Kardinal. Es gibt Vorworte aus seiner Hand für irgendwelche Bücher, die unglaublich tiefe Gedanken und ganz unerwartete Perspektiven enthalten.

Das heißt, er hat sie inspiriert, aber nicht irritiert?
Jede gute Inspiration ist immer auch eine Irritation. Das heißt, dass sie mir hilft, aus meinen eingefahrenen Geleisen rauszukommen. Wenn man immer nur in seiner eigenen Spur bleibt, ist man ja geistig und vor allem geistlich schon tot.

Kardinal Marx sprach im letzten Herbst unmittelbar nach der Philippika des Papstes über die immer reichere und immer leerere deutsche Kirche vor den deutschen Bischöfen bei ihrem Ad-Limina-Besuch wörtlich von einer „Renaissance der Kirche“ in Deutschland. Was kann er damit gemeint haben?
Es ist wichtig, dass die Bischöfe immer auf die Hoffnungszeichen in der Kirche schauen und nicht dauernd rumjammern. Aber damit dürfen wir uns natürlich nicht beruhigen. Wir müssen den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf die gute Substanz der Kirche in Deutschland richten und alles dafür tun, dieses Gute sichtbarer zu machen und weiterzugeben.

Der Papst hat nicht nur die deutsche Kirche hart kritisiert. Er ist auch nicht zimperlich in seiner Kritik an der Kurie. Sie kennen hier in Rom viele Kuriale aus nächster Nähe. Was würden Sie dem Papst zu seiner Kritik sagen, wenn er Sie um Ihren Rat bitten würde?
(Lacht) Papst Franziskus hat einen ganz speziellen Stil. Er fühlt sich, glaube ich, als Seelsorger der Welt, als Seelsorger der Kurie, als Seelsorger der Bischöfe, als Seelsorger der Priester, als Seelsorger der Laien. Und er empfindet es offenbar als seine heilige Pflicht, den Menschen ab und zu streng ins Gewissen zu reden, und zwar im wörtlichen Sinne. Das ist für die Zuhörer nicht immer angenehm, aber wer genau zuhört, der findet sicher immer etwas, was er sich auch selber ganz persönlich zu Herzen nehmen kann.

Aber gehört das nicht eher in den Beichtstuhl statt vor die Mikrophone der Medien aus aller Welt?
Der Papst hat ja gesagt, der Beichtstuhl solle keine Folterkammer sein. Deswegen foltert der Papst vorher. Aber Scherz beiseite. Es macht doch Sinn, erstmal auf die Pauke zu hauen und klar zu machen, worum es geht, damit die Leute danach auch wirklich zur Beichte gehen, im Anschluss an die Standpauke – nicht vorher.

Der Philosoph Robert Spaemann, den Sie  gut kennen, hat sich sehr kritisch zum Pontifex Maximus geäußert und Ähnliches war aus Ihrem Mund noch nie zu hören, obwohl Sie sich in Ihren Büchern oft auf Robert Spaemann berufen haben. Gemeinsam zählen Sie zu den prominentesten und seriösesten Katholiken Deutschlands mit engen Drähten untereinander. Was sagen Sie zu dem Verdacht, dass Sie sich, was Ihre Haltung und Äußerungen zum Heiligen Vater betrifft, vielleicht auf eine Arbeitsteilung geeinigt habe, nach dem Muster „bad cop“ und „good cop“?
(Lacht laut) Nein, es gibt überhaupt keine Absprachen zwischen Robert Spaemann und mir. Dazu bin ich auch ein viel zu kleines Licht. Ich glaube, dass wir beide sicher in vielem völlig einer Meinung sind. Wir sind beide katholisch und stehen treu zur Kirche. Robert Spaemann sieht als jetzt 89-jähriger, verdienstvoller Katholik seine Pflicht, öffentlich Kritik an einigen öffentlichen Äußerungen des Papstes zu üben. Das ist doch erlaubt. Papst Benedikt hat immer wieder zu Kritik an seinen Texten eingeladen. Papst Franziskus nennt zum Beispiel „Amoris laetitia“ ausdrücklich nur einen „Vorschlag“. Vorschläge kann man kritisieren und Vorschläge kann man ablehnen, auch Vorschläge von Päpsten. In der katholischen Kirche herrscht bekanntlich ein Unfehlbarkeitsverbot. Das Unfehlbarkeitsdogma von 1870 bedeutet in der Praxis: Einer Milliarde Katholiken ist es verboten, unfehlbar zu sein, und dem Papst meistens auch. Das gilt schon von keinem deutschen Stammtisch. Nur wenn der Papst ausdrücklich von seiner unfehlbaren Lehrautorität Gebrauch macht, ist das unfehlbar. Das war zum letzten Mal in feierlicher Form 1950 der Fall. Ich selber versuche, mich von päpstlichen Texten auf eine Weise irritieren zu lassen, dass das dann für die Kirche und auch für mich fruchtbar wird.

Wie erklären Sie, dass das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ in kirchenfernen Medien so viel Begeisterung ausgelöst und innerhalb der Kirche doch zu beträchtlichem Streit geführt hat?
Erstmal ist es doch toll, dass der Papst außerhalb der Kirche Begeisterung auslöst und Streit in der Kirche ist an sich noch nichts Schlechtes, den hat es immer gegeben. Wenn ein alter Mensch aufwacht und keine Schmerzen mehr hat, ist er wahrscheinlich tot und das gilt wohl auch für alte Institutionen. Der Streit in der Kirche über das Schreiben liegt vielleicht am ungewohnten Stil des Papstes und vor allem an der Voreingenommenheit mancher Leser, die das Schreiben möglicherweise nicht mit dem „Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt“ gelesen haben, von dem Papst Benedikt im Vorwort zu seinen Jesusbüchern so lebensweise schrieb. Papst Franziskus versteht sich nach meinem Eindruck nicht so sehr als Lehrer, wie vielmehr als Hirte, obwohl man das eigentlich nicht gegeneinander ausspielen sollte. Dass er die Lehre nicht verändern will, das sagt er in „Amoris laetitia“ fast alle zehn Seiten. Aber er will möglichst viele Schafe wieder zurückholen, wie sich das für einen guten Hirten gehört. Dass sich dabei manche Katholiken dann fühlen wie der – eifersüchtige – nicht verlorene Sohn in der Bibel, ist menschlich nachvollziehbar.

Was machen Sie persönlich aus dem „Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus ausgerufen hat?
Neulich habe ich mir nach einer Beichte überlegt, mit welchen Leuten ich ein bisschen Krach habe. Und das soll natürlich nicht bleiben. Man kann jederzeit sterben und dann hat man solchen Krach nachher für die Ewigkeit. Deswegen klappere ich die Liste jetzt ab. Neulich habe ich zu jemandem wieder den Kontakt aufgenommen, mit dem ich eine heftige Auseinandersetzung hatte. Es sei ja jetzt das Jahr der Barmherzigkeit und da wollte ich doch nochmal einen Anlauf machen. Es gab eine sehr angenehme Antwort. Auf diese Weise kann man vielleicht ein bisschen Fegefeuer abbauen und das Christentum etwas zum Leuchten bringen, was einem bisher bei diesem Menschen vielleicht nicht so gut gelungen ist. So etwas ist vielleicht ein bisschen wunderlich, aber Christen dürfen ja auch ein bisschen wunderlich sein.

Im kirchenfernen Leipzig sind Sie mit der Bemerkung aufgefallen, dass die katholische Kirche sexy sei (was wir ja auch so empfinden und schon immer sagen). Warum sagen Sie das aber und was meinen Sie damit?
Ein Radiosender hatte mich zu Reliquien befragt nach dem Motto, das ist doch eine total verstaubte Angelegenheit. Da habe ich geantwortet: Ganz im Gegenteil, Reliquien sind sexy und überhaupt ist das Christentum sexy. Wir Christen glauben ja, dass der allmächtige Gott Mensch geworden ist und zwar wirklich sinnlich real Mensch. Das glaubt keine andere Religion. Wir glauben also, dass Gott anfassbar ist, dass Gott gegessen hat, dass Gott auf’s Klo gegangen ist. Für andere Religionen klingt das blasphemisch, aber wir Christen nennen das Ideomenkommunikation: Alles was man über den Menschen Jesus sagen kann, kann man auch über Gott sagen und alles, was man über Gott sagen kann, kann man auch über Jesus sagen. Keine Religion ist so sinnlich wie das Christentum, bei uns ist der Geschlechtsverkehr der Vollzug eines Sakraments, einer heiligen Handlung. Wer Sexualität verachtete, wurde immer schon aus der Kirche ausgeschlossen. Über die Schönheit und Zärtlichkeit menschlicher körperlicher und geistiger Liebe redet Papst Franziskus in „Amoris laetitia“, wie schon Benedikt XVI.  in „Deus Caritas est“. Und diese Sinnlichkeit des christlichen Glaubens sieht man auch in der Verehrung von Reliquien. Die Südländer sind ja ohnehin viel sinnlicher und wenn man sieht, wie in der Grabeskirche des heiligen Antonius in Padua die Gläubigen den Sarkophag des Heiligen mit ihren Händen berühren, dann sieht man sozusagen wie dieser Glaube wirklich ganzheitlich Leib und Seele zusammenhält. Die Heiligen sind keine Ideen, sie waren wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut. Aus Ideen haben sich mitunter Ideologien entwickelt und aus Ideologien nicht selten menschenverachtende Tyranneien. Christen dagegen glauben an einen Menschen, an einen Gottmenschen, nämlich an Jesus Christus. Deshalb hat der heilige Johannes Paul uns auch so viele heilige Menschen vor Augen gestellt, um das Menschliche des Christentums zu feiern und den vielen absurden „Superstars“ echte Vorbilder entgegenzustellen, denen wir nacheifern können und sollen.

Das heißt wohl, dass Sie auch keine Probleme mit dem „Sacrum Praeputium“ haben, dem heiligen Vorhäutchen des acht Tage alten beschnittenen Jesusknaben, das bis vor ein paar Jahren noch in Calcata verehrt wurde?
(Lacht) Ich weiß, dass das eine Ihrer Lieblingsreliquien ist. Sie haben da ein Alleinstellungsmerkmal, das ich Ihnen nicht nehmen will.

Doch  darf man so, wie wir hier reden, nach den Missbrauchsfällen in der Kirche heute überhaupt noch sprechen?
Naja, so wie wir hier im Moment reden, möchte ich natürlich nicht mit jemandem sprechen, der gerade von einem Priester missbraucht worden ist. Das ist doch das Erschütterndste, was wir uns gerade als Katholiken vorstellen können. Dass gerade ein Mann Gottes, dem ein junger Mensch in aller Arglosigkeit vertraut, dieses Vertrauen so schrecklich missbraucht, das ist für unsereinen doch viel schlimmer als für einen Außenstehenden. Den Worten von Papst Benedikt zu diesem Thema konnte man das immer anmerken. Denn da ist ja nicht nur der schlimme Intimitätsbruch, dieser junge Mensch verliert oft nicht nur das Vertrauen in Menschen, er verliert auch das Vertrauen in Gott.

Sie sind ein Rheinländer, der in seinem Haus selbst Flüchtlinge beherbergt. Darf ich Sie da fragen: Was wird nach den Silvesterereignissen auf der Kölner Domplatte aus der kölschen Tradition und Kultur der Enthemmung und des „Machse en Büttzche han? “ (Willst Du ein Küsschen haben?), mit dem die Funkenmariechen und andere Kölner Damen im Hochbetrieb des Karnevals auch Wildfremden ein Küsschen angeboten haben?
Zu diesem ganzen Thema hat es eine „Kölner Botschaft“ gegeben. Zehn prominente Kölner von Kardinal Woelki bis zu Navid Kermani haben einen Text publiziert und öffentlich diskutiert, der dazu auffordert, die tolerante Kölner Kultur zu erhalten, ohne Probleme unter den Tisch zu kehren. Das Problem der Integration wird bleiben und die Kernfrage ist dabei, wie wir uns Integration vorstellen. Wohinein wollen wir die Menschen denn integrieren, wenn niemand mehr die christlichen Wurzeln kennt, aus denen unsere abendländische Identität erwachsen ist? Wenn die Gesellschaft sich das nicht klar macht, bleiben nur noch irgendwelche angebräunten Pseudoidentitäten, mit denen gefährliche rechte Rattenfänger hantieren. Deswegen müssen sich auch Atheisten um eine Kultivierung des Christentums sorgen. Soll man denn einem jungen Mann, der dabei ist, nach Syrien in den Dschihad zu ziehen, raten, als Alternative mal tüchtig shoppen zu gehen oder in die nächste Wellnessoase? Junge Menschen suchen zu allen Zeiten und auch heute nach dem Sinn des Lebens und diese Frage müssen wir ihnen beantworten. Gregor Gysi hat mal gesagt, er sei zwar Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil da die Solidarität abhanden komme. Dem Manne sollte geholfen werden!

Gysis Wort in Gottes Ohr. Nur herrscht im Karneval ja nicht nur der Karnevalsprinz und seine Prinzessin, sondern mehr noch „König Alkohol“. Wird das katholische und „hillije Kölle“ nach diesen Übergriffen also vielleicht etwas protestantischer?
Was hat das mit Alkohol zu tun? Auch Protestanten schätzen ein frisches Kölsch oder einen schlanken Riesling. Schon Luther war kein Kostverächter.
 
Der war ja Katholik. Was empfinden Sie aber, wenn Sie hören, Sie seien ein „Büttenredner des lieben Gottes“?
Das bin ja nicht ich. Das ist doch mein Freund Willibert Pauels. Ich trete allerdings ab und zu im Kabarett auf. Jeder Mensch sollte die Fähigkeiten, die der liebe Gott ihm mitgegeben hat, fruchtbar machen. Irgendwann hat man mir gesagt, ich könne ganz gut unterhaltsame und allgemeinverständliche Bücher schreiben. Das hat dann auch funktioniert. Und über die halte ich dann launige Vorträge. Ich bin ohnehin nicht so gut darin, fromme Leute noch frömmer zu machen. Ich rede lieber vor tausend Atheisten über den lieben Gott. Mein Buch „Gott – eine kleine Geschichte des Größten“ enthält zum Beispiel allgemeinverständlich und unterhaltsam alle Argumente für den lieben Gott und darüber rede ich dann auch im Kabarett.

Sie sind aber in erster Linie Arzt, Doktor Lütz. Wenn Sie sich als Arzt und Seelendoktor über unsere alte Mutter Kirche in Deutschland beugen, zu welcher Diagnose kommen Sie da?
1999 habe ich in meinem ersten Buch („Der blockierte Riese“) eine Psycho-Analyse der katholischen Kirche verfasst, in einer Zeit, als alle Welt über die Kirche immer nur jammerte. Ich fand aber damals schon, wir müssten ressourcen-orientierter über die Kirche reden und fragen: Was ist das Gute an der Kirche? Was hat sie beizutragen? Was hat sie erreicht in den Jahrhunderten? Was könnten wir für heute aus den tollen Erfolgen der Kirche in früheren Jahrhunderten lernen. Dass das Christentum das Mitleid erfunden hat, wissen noch nicht mal viele Christen. Dass die moderne Naturwissenschaft eine christliche Erfindung ist, ist ebenso vielen unbekannt und auch zum Beispiel, dass die Inquisition Hexenverbrennungen verhindert hat. Dagegen sind viele mit der Mentalität an die Öffentlichkeit gegangen: Ich bin katholisch, aber es soll nicht wieder vorkommen. Man hat viel zu viel analysiert. Analysen sind wichtig, aber nur dann, wenn sie für die Therapie nützlich sind. Das Ziel der Diagnose ist immer die Therapie. Und da hat man den Eindruck bei Papst Franziskus – und das macht auch seine Dynamik aus – dass er sich tatsächlich vor allem für die Therapie einsetzt und deswegen ganz davon erfüllt ist, das Wort Gottes bis an die Grenzen der Welt zu tragen und das gelingt ihm sogar. Auch Jesus forderte die Hirten ja auf, gerade den verlorenen Schafen nachzugehen. Und es handelt sich ja nicht nur um ein Schaf, das in der Gemeinde fehlt, sondern es sind sage und schreibe 85 Prozent!

Und welche Medizin würden Sie der alten Mutter Kirche  verschreiben?
Hinschauen, wo es neue Aufbrüche gibt, auch in Deutschland und mehr davon tun, was funktioniert. Da gibt es Nightfever, regelmäßige Anbetungsabende, zu denen viele Menschen kommen, die sonst nie in die Kirche gehen. Meine Frau hat das als „Abend des Lichts der Musik und des Gebets“ bei uns in der Dorfgemeinde organisiert und da kommen mehr Menschen als Sonntags zur Messe und wenn sie erstmal dahin kommen, dann gehen sie nicht selten auch irgendwann später zur Messe. Die Menschen wollen einfach beten. So etwas kann man ganz unkompliziert eigentlich in jeder Gemeinde machen. Und dann gibt es da den „Youcat“, den großartigen Jugendkatechismus der katholischen Kirche, der von Deutschland aus die ganze Welt erobert hat. Es gibt ihn inzwischen in über dreißig Sprachen und über dreißig Millionen Exemplaren. Natürlich ist in Deutschland die Kirche selbst schuld gewesen, dass das Glaubenswissen gegen null tendiert. Wir hatten schließlich verpflichtenden Religionsunterricht für so gut wie jeden und dennoch weiß heute kaum jemand mehr, was Pfingsten ist. Da ist etwas einfach ziemlich schief gelaufen. Aber wir sollten nicht klagen, sondern das tun, was hilfreich ist, und da gibt es wirklich genug.

Das letzte Ihrer vielen Bücher haben Sie aber der Frage gewidmet, wie man „unvermeidlich glücklich“ wird. Wie Sie wissen, machen wir hier keine Schleichwerbung. Können Sie unseren Lesern dafür aber bitte dennoch in einer Nussschale erklären, wie sie unvermeidlich glücklich werden können.
Der Titel des Buches ist natürlich etwas ironisch gemeint, gegen diese ganze absurde Glücksratgeberliteratur, aber er hat auch einen ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, die Grenzsituationen menschlicher Existenz sind unvermeidlich: Leid, Schuld, Kampf, Tod. Wenn man also zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden. Das ist logisch. Wie man im Leid glücklich sein kann, wie man in der Schuld glücklich sein kann, wie man angesichts des Todes glücklich sein kann, darauf gibt es natürlich eine überzeugende christliche Antwort. Es gibt auch andere Antworten. In dem Buch stelle ich zum Beispiel viele philosophische Antworten vor. Aber die Antwort, die ich für mich persönlich am überzeugendsten finde, ist die christliche Antwort. Leid ist unvermeidlich im Leben jedes Menschen und das Christentum zeigt, wie man im Leid glücklich sein kann. Ich habe einen Auschwitz-Überlebenden, Jehuda Bacon, kennengelernt, der mir gesagt hat, man könne auch im Leiden Sinn erleben, wenn man so tief erschüttert werde, dass man erlebe, dass jeder Mensch ist wie man selbst, dass auch ein Verbrecher eine Mutter hatte. Mit Jehuda Bacon publiziere ich übrigens im Herbst ein Dialogbuch. Dass es auch eine glückliche Schuld, eine „felix culpa“, gibt gehört zum innersten Geheimnis des christlichen Osterfestes. Und Glück angesichts des Todes? Dass es so etwas wie „ewige Glückseligkeit“ gibt, das zu glauben hält Christen auch in den dunklen Momenten ihres Lebens aufrecht und gibt Licht. Wir müssen die Kirche wieder mehr zum Leuchten bringen!
 
Das heißt, mit all Ihren Büchern wollen Sie also nicht in den Olymp, sondern in den Himmel kommen?
Ich hasse Bergsteigen und ich habe ein Buch gegen Sport geschrieben. Der Olymp reizt mich überhaupt nicht. In den Himmel kommen aber würde ich schon gerne, allerdings nicht mit meinen Büchern, mir reicht eine kleine Ecke und zum Essen bitte Pasta.


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