VATICAN-magazin

Editorial

Der Grund der Hoffnung

von Guido Horst

Exotische Reisen prägen den Terminkalender von Papst Franziskus im Neuen Jahr. Nach dem Weltjugendtag in Panama steht Abu Dhabi auf dem Programm, es folgen Marokko Ende März und Bulgarien sowie Mazedonien im Mai. Und Ende des Jahres möchte Franziskus Hiroshima und Nagasaki in Japan besuchen. Wir werden das alles gebührend begleiten. Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird 2019 aber die Frage stehen, ob die katholische Hierarchie die Krise in den Griff bekommt, in die sie im Missbrauchsjahr 2018 hineingeschlittert ist. Seit Menschengedenken gelten in der katholischen Kirche die geweihten Hirten als das Fundament des pilgernden Gottesvolks: Die mit dem Papst, dem Felsen, verbundenen Bischöfe, die Kirche Roms als Zentrum der katholischen Christenheit, die Kardinäle, die dem Stellvertreter Christi in Rom und in der ganzen Welt als Stütze dienen, die Konzilien und Synoden, zu denen der Episkopat zusammentritt, um über Schlüsselfragen des kirchlichen Lebens zu entscheiden.

Noch nie hat es ein Jahr wie das vergangene gegeben, in dem die Hierarchie derart in Misskredit geraten ist. Und es endete, wie es begonnen hatte: Dass schließlich bekannt geworden ist, dass Kardinal George Pell, seit anderthalb Jahren beurlaubter Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, von einem Gericht in Melbourne wegen obszönen Verhaltens und des Missbrauchs eines Minderjährigen in seiner Zeit als Erzbischof in Melbourne – also in den neunziger Jahren – schuldig gesprochen worden ist, ist wieder so ein Fall, wie er für das Jahr 2018 bezeichnend war: Nicht einen Pfarrer in irgendeiner Gemeinde hat die Härte des Gesetzes getroffen, sondern einen Bischof und Kardinal, der sogar so etwas wie eine Stütze römischen Reformeifers war: Pell sollte nicht nur die Vatikanfinanzen unter Kontrolle bringen, sondern saß auch in dem Rat der neun Kardinäle, der Franziskus bei der Leitung der Kurie helfen soll. Im Oktober hat ihn der Papst mit zwei weiteren Kardinälen aus diesem Rat entlassen.

Der Fall von „Uncle Ted“ McCarrick ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Aufklärung der Vorwürfe im Zusammenhang mit dem ehemaligen Erzbischof von Washington, der wegen homosexueller Gewalt an einem Minderjährigen schließlich seine Kardinalswürde verlor, lässt auf sich warten, obwohl auch Kurienleute diese nach den Vorwürfen des Ex-Nuntius Carlo Maria Viganò, im Vatikan hätten viele von dem Lebenswandel McCarricks gewusst, angekündigt hatten. Im kommenden Januar muss sich Kardinal Philippe Barbarin vor einem Lyoner Gericht dafür verantworten, Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester seiner Diözese nicht verfolgt zu haben. In Deutschland lasten ähnliche Nachlässigkeiten auf dem Ruf des ehemaligen Konferenzvorsitzenden Erzbischof Robert Zollitsch. In England gilt das Gleiche für Kardinal Vincent Nichols, den Erzbischof von Westminster. In Lateinamerika ermittelt ein Menschenrechtsgerichtshof in derselben Materie gegen den ehemaligen Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Norberto Rivera Carrera, und die Vorwürfe gegen hohe Kirchenrepräsentanten in Chile sind sattsam bekannt.

Es ist die Stunde der Laien, der Laien von der Art, wie Robert Spaemann einer war: Unverbogen, verblüffungsresistent, einer, der an der Wahrheit festhält, auch wenn man erkennt, dass sich viele dieser Wahrheit nicht als würdig erweisen. Also kein Grund, 2019 den Kopf in den Sand zu stecken. Unsere Hoffnung setzen wir nicht auf den Klerus, der im Februar im Vatikan mal versuchen soll, auf dem Missbrauchsgipfel mit dem Papst für die Kirche ein Stück an Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Unsere Hoffnung ist Jesus Christus, der auch dann mit im Boote sitzt, wenn es so aussieht, als würde er schlafen. Nur er kann die Wogen glätten und den Sturm bändigen, der das Boot so heftig schlingern lässt. Es ist an der Zeit, die Hoffnung auf ihn und nicht auf menschliche Schlauheit und kluge Regeln zu setzen.


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