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Heiligenkreuz

Die Früchte einer knienden Theologie

Gegen jeden Trend: Das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz im Wienerwald ist so voll wie seit zwei Jahrhunderten nicht mehr. Seine Hochschule boomt wie noch nie. Ein Wunder der Gnade Gottes – aber nicht ohne Ursachen und Urheber

von Stephan Baier

Heiligenkreuz ist heute die größte Priesterausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum.
Foto: Heiligenkreuz

Wien ist eine angesehene und beliebte Universitätsstadt, mit einer stattlichen Katholisch-Theologischen Fakultät und einem medial überaus präsenten Professorenkollegium. Nur dreißig Kilometer südwestlich von Wien, inmitten des beschaulichen Wienerwalds, liegt die kaum zweitausend Einwohner zählende Gemeinde Heiligenkreuz. Doch die gemütliche Dörflichkeit und die romantische Umgebung, samt friedlich grasender Rehe, trügen. Heiligenkreuz ist zu einem dynamischen Missionszentrum von Format, zu einer weltkirchlichen Marke, zu einem vatikanischen Synonym für Aufbruch, zu einem Knotenpunkt solider Theologie geworden. Zu verdanken ist dies den Mönchen, die – in ihrem schwarz-weißen Habit weithin erkennbar – den Ort seit dem Jahr 1133 prägen.

Während sich andere traditionsreiche Klöster in Mitteleuropa mit dem eigenen Aussterben abzufinden beginnen, weil nur mehr wenige ältere Mönche die leeren Hallen und Gänge durchschreiten, flitzen in Heiligenkreuz Postulanten und Novizen durch den Kreuzgang und über den Stiftshof, füllt sich das Chorgestühl mehrfach täglich mit jungen Fratres und Patres. Während viele der einst renommierten Katholisch-Theologischen Fakultäten des deutschen Sprachraumes ob der sinkenden Hörerzahlen um ihr Bestehen bangen und die Priesterseminare jeden einzelnen Interessenten bejubeln, boomt die Hochschule im Wienerwald wie nie zuvor. Rund hundert Mönche leben im Zisterzienserkloster Heiligenkreuz, mehr als dreihundert Studierende lernen und forschen an der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“.

Woher dieser blühende Frühling, wenn ringsum winterliche Ödnis waltet? Auf der Suche nach einer Antwort darauf lohnt es, ein wenig in jene Rede hineinzuhören, die der Namensgeber der Hochschule im September 2007 in der Abteikirche hielt. Papst Benedikt XVI. war zum 850-Jahr-Jubiläum in den steirischen Wallfahrtsort Mariazell gepilgert. Auf Einladung des damaligen Abtes Gregor Henckel-Donnersmarck besuchte er auch Heiligenkreuz, wo er in der Abteikirche eine in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerte Ansprache hielt: zum Mönchtum, wie auch zur Theologie und ihrer Einbettung. Eine Theologie, „die nicht mehr im Raum des Glaubens atmet“, höre auf Theologie zu sein, „eine Reihe mehr oder weniger zusammenhängender Disziplinen bliebe übrig“, sagte der große Theologen-Papst. „Wo aber eine kniende Theologie getrieben wird, da wird die Fruchtbarkeit für die Kirche in Österreich und darüber hinaus nicht fehlen.“

Foto: Heiligenkreuz
Benedikt XVI. 2007 bei seinem Besuch im Stift Heiligenkreuz.

Genau das ist passiert: Die Hochschule wuchs im Schatten einer traditionsreichen Gebetsgemeinschaft, die – dank der sicheren Führung weiser Äbte – resistent war wider alle Häresie und liturgische Fahrlässigkeit, ja, an der all die flüchtigen Modewellen der vergangenen Jahrzehnte abperlten. Nun wächst die monastische Gemeinschaft, nicht zuletzt dank ihrer attraktiven Hochschule, die junge, solide fromme Katholiken scharenweise in den Wienerwald lockt.

Als Pater Karl Wallner 1999 die Leitung der Hochschule als Dekan übernahm, gab es hier 62 Studenten, jetzt sind es 314, davon je ein Drittel aus Österreich, Deutschland und dem Rest der Welt. Gewachsen ist auch der Lehrkörper, der mittlerweile aus 74 Dozenten besteht, von denen vierzehn Zisterzienser des Stiftes Heiligenkreuz sind. Die weitest reichende Weichenstellung geschah zweifellos im Jahr 2007, als die römische Bildungskongregation die Hochschule unter ihre Fittiche nahm. Die 1802 von vier niederösterreichischen Zisterzienseräbten gegründete Hauslehranstalt war nämlich 1976 zur öffentlich-rechtlichen Hochschule erhoben worden, hing in der Anerkennung ihrer Studienabschlüsse aber von der Wiener Theologischen Fakultät ab. Mit der Erhebung zur Hochschule päpstlichen Rechts wurde Heiligenkreuz gänzlich unabhängig von Wien.

Angesichts der heute breiten Wertschätzung in der akademischen Welt mag in Vergessenheit geraten sein, dass die Wiener damals anstelle von Glückwünschen öffentlich kleine Bosheiten mit auf den Weg gaben. Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Paul Zulehner, delegierte zum Festakt nach Heiligenkreuz seine Stellvertreterin, Christa Schnabl. Sie fabulierte in ihrer Ansprache über die Gefahr, dass die Überschaubarkeit zur Abschottung, diese wiederum zu „Wirklichkeits- und Relevanz-Verlust der Theologie“ führe. Einigermaßen herablassend meinte die Vize-Dekanin damals, es sei „schmerzhaft, dass Personen, die den Anforderungen der staatlichen Fakultät nicht gewachsen sind, nach Heiligenkreuz zum Studium gehen“. Als Gründungsrektor meinte Karl Wallner, um Höflichkeit bemüht, man sei sich in Heiligenkreuz der Herausforderungen „bewusster, als andere uns das zutrauen“.

Foto: Heiligenkreuz
War von 1999 an Rektor der Hochschule: Pater Karl Wallner, seit Herbst 2016 Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich.

Heute, da die akademische Hochnäsigkeit, mit der manche damals auf Heiligenkreuz herabblickten, einem respektvollen Streben nach Kooperation gewichen ist, würde es durchaus lohnen, die Heiligenkreuzer Mahnungen Papst Benedikts aus dem Jahr 2007 zu memorieren. Etwa diese: „Wo die spirituelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht ein dünner Rationalismus, der aus seiner Kühle und Distanziertheit nie zu einer begeisterten Hingabe an Gott durchbrechen kann.“ Hat die Krise der Berufungen im deutschen Sprachraum vielleicht auch damit zu tun? Hat umgekehrt der Boom im Wienerwald hier seine Wurzeln?

Nochmals Papst Benedikt XVI. aus seiner Ansprache in der Abteikirche von Heiligenkreuz: „Fruchtbarkeit zeigt sich in der Förderung und Ausbildung von Menschen, die eine geistliche Berufung in sich tragen. Damit eine Berufung zum Priestertum oder zum Ordensstand heute das ganze Leben lang treu durchgehalten werden kann, bedarf es einer Ausbildung, die Glauben und Vernunft, Herz und Verstand, Leben und Denken integriert.“ Fruchtbar ist Heiligenkreuz ganz unbestritten. Zwischen 1996 und 2017 wurden 262 der hiesigen Absolventen und Studenten zu Priestern geweiht. Im Herbst 2017 waren 164 der 301 Studierenden Ordensleute oder Seminaristen, die übrigen auf der Suche nach ihrer Berufung. Heiligenkreuz ist damit heute nicht nur die Gemeinde mit dem höchsten Anteil an Zölibatären, wie Pater Karl Wallner einmal scherzte, sondern auch die größte Priesterausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum. Die einzige Ordenshochschule Österreichs und die einzige Zisterzienserhochschule weltweit ist es schon länger.

Foto: Heiligenkreuz
Von links nach rechts: der neue Rektor, Pater Wolfgang Buchmüller, Abt Maximilian Heim und Pater Johannes Paul Chavanne als Generalsekretär der Hochschule.

Nachdem Wallner im Herbst 2016 zum Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich ernannt worden war, machten sich der Abt wie die vatikanische Bildungskongregation auf die Suche nach einem neuen Rektor. Heraus kam Ende Januar 2019 eine überzeugende Aufgabenteilung: Der Vorstand des Instituts für Spirituelle Theologie und Religionswissenschaft, Pater Wolfgang Buchmüller, wurde neuer Rektor. Der Dozent für Liturgiewissenschaft und Jugendseelsorger des Stiftes, Pater Johannes Paul Chavanne, wurde Generalsekretär der Hochschule. Beide gehören nicht nur dem Stift Heiligenkreuz an, sondern waren schon bisher im Leitungsteam der Hochschule: Buchmüller als Forschungsdekan, Chavanne als Assistent des Rektors.

Für die Integration von Glaube und Vernunft, Herz und Verstand, Leben und Denken bürgt als Großkanzler Abt Maximilian Heim, der für seine Dissertation über die Ekklesiologie Joseph Ratzingers einst mit dem allerersten „Premio Ratzinger“ – weithin bekannt als Nobelpreis der Theologie – ausgezeichnet wurde. Von den 74 Lehrenden, die für ihre Vorlesungen nur eine kleine Spesenvergütung aber kein Gehalt bekommen, sind fünfzehn habilitiert und drei in Habilitationsverfahren. 34 sind Priester, neunzehn gehören einem Orden an. Zu den Glanzlichtern der Hochschule zählt das „Europäische Institut für Philosophie und Religion“ (EUPHRat), das die Philosophin und Religionswissenschaftlerin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz nach ihrer Pensionierung in Dresden im Wienerwald aufgebaut hat. Ihre Tagungen locken immer wieder philosophische Großkaliber nach Heiligenkreuz.

Foto: Heiligenkreuz
Eine Promotionsfeier an der Theologischen Fakultät.

Nach dem Papstbesuch 2007 erlebte die Hochschule einen Zulauf, der bald alles aus den Nähten platzen ließ. Also wagte man einen großzügigen, auf Zukunft hin angelegten Ausbau des ehemaligen Meierhofs neben dem Stift. Mit „Bausteinen“ unterschiedlicher Größe, noch dazu nach prominenten Heiligen benannt, fischten Pater Karl und sein junges Team nach Spendern. Da war Heiligenkreuz – nicht nur Dank Papstbesuch und Gregorianischem Choral in den internationalen Charts – längst eine bekannte Marke. Sechs Millionen Euro kamen herein. Genug, um einen modernen Campus zu schaffen, mit großzügig angelegten, hellen Vorlesungssälen und einem hochmodernen Medienzentrum. 2013 erfolgten der Spatenstich für den Hochschulausbau und die Grundsteinlegung, 2015 wurden die neuen Hochschulgebäude und der gesamte Campus gesegnet.

Foto: Heiligenkreuz
Pater Karl Wallner bei einer Vorlesung in der Hochschule.

Im selben Jahr kam zum Diplomstudiengang Fachtheologie ein weiterer möglicher Studienabschluss hinzu, nämlich das Lizentiatsstudium „Spiritualität und Evangelisation“. Neben dem theologischen Fachstudium, das mit dem Magister-Titel abgeschlossen wird, bietet Heiligenkreuz in Kooperation mit dem nahegelegenen „Internationalen Theologischen Institut“ (ITI) in Trumau ein zweisemestriges „Studium Generale“ sowie, in Zusammenarbeit mit der Hochschule Sankt Pölten, einen „Master of Arts“ in Religionspädagogik.

Nicht alles wurde geplant, manches kam ganz unverhofft und geschenkt. Mit dem Ausbau der Hochschule wuchs der Wille zu einer modernen und praktischen Studienbibliothek, diesseits der barock anmutenden Klosterbibliothek. Als in Bayern die Salesianer Don Boscos ihre Hochschule in Benediktbeuern schließen mussten, überlegten sie eine Weile, was sie mit ihrer wissenschaftlichen Bibliothek anstellen sollten. Dann kam die Erleuchtung oder Eingebung – sie schenkten die 250.000 Bücher mit einem Gewicht von insgesamt 42 Tonnen der Hochschule Heiligenkreuz. Stiftsbibliothekar Pater Alkuin Schachenmayr organisierte nicht nur den Transfer der Bibliothek, sondern bewies optimistische Vorsorge auf die Zukunft hin: Von den 9,5 Kilometern Regalfläche, die er in der neuen Hochschulbibliothek schuf, waren nach der Schenkung nur 75 Prozent befüllt.

Foto: Heiligenkreuz
Blick in das Fernsehstudio der Hochschule.

Ein echtes „pars pro toto“, und eine Zeichenhandlung, die die hoffnungsfrohe Zuversicht zeigt, mit der man im Wienerwald die Zukunft gestaltet. Die Hochschule Heiligenkreuz ist ganz auf Wachstum und Weite hin angelegt. „Mitten in einem erschütternden Niedergang des Christlichen in Europa sind unser Kloster und unsere Hochschule aufgeblüht“, meinte Pater Karl Wallner. Aber er setzte sogleich hinzu: „Wir sind gar nicht stolz, denn wir sind nur Werkzeug. Wir schreiben alles der Gnade Gottes zu.“ Und sein Nachfolger, Pater Wolfgang Buchmüller, ist entschlossen, jungen Menschen hier „die bestmögliche intellektuelle, geistliche, menschliche und praktische Ausbildung zu ermöglichen“. Die Hochschule Heiligenkreuz sehe ihre Berufung darin, „Theologie aus dem Herzen der Kirche zu entfalten“, meint der neue Rektor. Und fügt hinzu: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, diesen profilierten Lern- und Lebensort weiter zu entwickeln und wissenschaftlich auszubauen.“


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