VATICAN-magazin
Foto: Barbara Wenz
Der Dom Sankt Blasien im Albtal.

Heiligtümer der besonderen Art

Ein Kleinod im Südschwarzwald

Die Geschichte des Doms von Sankt Blasien ist mit zwei Männern des Glaubens verbunden, die Teil der Geschichte des Christentums in Deutschland sind

von Barbara Wenz

Zu Füßen des Feldbergs, der höchsten Erhebung des Schwarzwald und südlich des Schluchsees, dem großen Bruder des Titisees, schlängelt sich die Alb durch ein bewaldetes Höhental. Der Wald dort nennt sich Hotzenwald nach den Menschen, die dort leben, den Bauern, auf alemannisch houtz. Wer von der Gemeinde Häusern Richtung Bernau durch diese unberührt anmutende Landschaft fährt, wird verblüfft sein von dem Anblick, der sich ihm in Sankt Blasien unvermittelt bietet.

Foto: Barbara Wenz
Die gewaltige Kuppel des Doms ist dem Pantheon in Rom nachempfunden.

Seit über elfhundert Jahren wird an dieser Stelle im Albtal gebetet, gelehrt und gearbeitet. Am Beginn dieser Geschichte, die Teil der Geschichte des Christentums in Deutschland ist, stehen zwei Männer des Glaubens: Sigemar und Reginbert. Von Sigemar weiß man nicht sehr viel. Vermutlich stammte er aus dem Benediktinerkloster Rheinau und war ein Zeitgenosse des damals hochberühmten Heiligen Findan, einem irischen Adeligen, der von Wikingern auf die Orkney-Inseln verschleppt worden war und sich nach Schottland retten konnte, wo er eine Zeitlang als Bischof wirkte.

Nach seiner Romwallfahrt wanderte er über Rhätien nach Schwaben und trat in den Dienst eines alemannischen Edelmannes und schließlich ins Kloster auf der Rheininsel bei Schaffhausen ein, wo er sich im Jahre 856 als Inkluse einmauern ließ und 878 in seiner Zelle starb. Was Sigemar nun bewogen hat, das sichere Kloster Rheinau mit seiner strategisch günstigen Lage auf der Insel zu verlassen, sich in den südlichen Schwarzwald zu wagen – einem wilden, äußerst rauen Landstrich, einem regelrechten Urwald voller Wölfe, Bären und Räuber –, und sich dort am Albufer inmitten der Waldeinsamkeit eine Klause aus Holz und Lehm zu erbauen, ist nicht überliefert. Dagegen ist gesichert, dass schon recht bald eine Reliquienübertragung von Kloster Rheinau in die zuerst dem heiligen Nikolaus geweihte Zelle an der Alb stattgefunden hatte. Kloster Rheinau soll bereits vor 855 den „Leichnam“ des heiligen Bischofs von Sebaste und Märtyrers Blasius von Rom erhalten und gehütet haben. Blasius, der Name führt sich eigentlich auf blandus, „der Gewinnende“ zurück, zählt zu den Vierzehn Nothelfern und ist heute noch unvergessen, weil die Kirche in den ersten Februartagen vielen Gläubigen wieder den nach ihm benannten Blasiussegen spendet: „Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen. Es segne dich Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.“

In der Legenda Aurea des Jacobus Voragine finden wir noch eine weitere Etymologie für diesen Namen – bela, das „wohlgenährt“ bedeutet und sior für „kindlich“: „Gewinnend dank dem Wohlklang seiner Reden, wohlgenährt dank den Anlagen seiner Tugenden, kindlich dank der Demut seines Charakters“, heißt es dort zur Erklärung und weiter, dass er reich an Sanftmut und Heiligkeit gewesen sei.

Warum er insbesondere als Beschützer vor Halskrankheiten und Erstickungstod angerufen wird, liegt einer Begebenheit zugrunde, die ebenfalls in der Legenda Aurea angeführt wird. Danach habe eine Frau unter Bitten und Flehen ihren sterbenden Sohn zum Bischof von Sebaste gebracht, in dessen Hals sich eine Fischgräte verfangen hatte. Der heilige Blasius legte dem Knaben die Hände auf und machte ihn wieder gesund, nicht ohne anzumerken, dass jeder, der seinen Namen in einer ähnlichen Situation anrufe, geheilt werden würde. Während der furchtbaren Zeit der Christenverfolgung durch Diokletian habe er sich geweigert, Götzen anzubeten und sei deshalb gefoltert und enthauptet worden, nicht ohne nochmals zu betonen, dass jeder, der ihn um seinen Beistand bei einer Halskrankheit oder einer anderen Krankheit bitte, erhört werden würde.

Dass die Translation eines Teiles der Blasiusreliquien von Rheinau in den tiefsten Schwarzwald zur ehemaligen cella alba durch Findan selbst stattgefunden haben soll, gilt als unwahrscheinlich, denn der iroschottische Mönch war bereits eingemauert. Plausibler dagegen ist, dass diese Übertragung zu Lebzeiten des Reginbert von Seldinbüren, der unter Kaiser Otto I. kämpfte, stattgefunden hatte, der die aufgelassene Klause von Sigemar im Jahre 948 verlassen und zerstört vorfand, aber an ihrer Stelle eine steinerne Kirche erbaute. Ab dem Jahre 1064 ist nämlich anstatt der „Zelle an der Alb“ die Bezeichnung „cella s. Blasii“ geläufig. Wie es die Benediktsregel vorschreibt, soll jedes Kloster ein Ort der Reliquienfrömmigkeit sein, die Professurkunde der Mönche soll auf den Patron ausgestellt sein und dessen Überreste sollen im jeweiligen Kloster gehütet werden.

Die nächsten achthundert Jahre schreibt Sankt Blasien eine Erfolgsgeschichte nach der anderen. In einer Festschrift aus dem Jahre 1784 steht darüber zu lesen: „Seine klösterliche Zucht, ein lebhafter Tugend- und Seeleneifer, der seine Söhne zur allgemeinen Erbauung beseelte, verbreitete sich gar bald bis in die entferntesten Gegenden hin. Die ansehnlichsten Gotteshäuser und Klöster entlehnten aus dieser Pflanzschule der Tugend und Gelehrtheit theils würdige Vorsteher und Aebte, theils auch ganze Kolonien, die nicht selten aus zwölf Männern bestanden.“

Doch es gab auch beinahe vernichtende Rückschläge. Kloster mitsamt Klosterkirche brannten mehrmals nieder, während der Bauernkriege wurde es 1526 vollständig ausgeplündert. Immer wieder erhob sich Sankt Blasien aus Rauch, Asche und Trümmern. Seine heutige, spektakuläre Architektur „verdankt“ es einer solchen Brandkatastrophe und der visionären Macht und Glaubenskraft des damaligen Fürstabtes Martin Gerbert, der von 1764 bis 1793 im Amt war. Unter seiner Ägide brannte die Abtei mitsamt ihrer Kirche am 23. Juli 1768 nieder. Und mit ihr auch sämtliche wertvollen Reliquien. Voller Tatkraft begann der Fürstabt eine umfangreiche Korrespondenz mit Anfragen in Rom und anderen prominenten Orten, worin er um neuerliche Heiligenrelikte anfragte, „weilen in der leidigen Brunst alle Reliquienkästen auf denen Altären verbronnen“.

Foto: Barbara Wenz
Blick in den Innenraum der Kirche.

Es galt zuallererst, die Brücke zwischen Erde und Himmel, Gott und seinen Heiligen droben und den Menschen hier unten wiederherzustellen, um den Neuaufbau wagen zu können. Gerbert konnte sich dabei auf die großartigen Verdienste seines traditionsreichen Klosters berufen. Kurz nach der Aufklärung war dabei der Akzent nicht nur auf frommes mönchisches Leben zu legen. Förderlich erschien insbesondere der Hinweis auf die Allgemeinnützigkeit und Gelehrsamkeit, die in Sankt Blasien gepflegt wurde. So steht es auch in der erwähnten Festschrift zur Neueinweihung zu lesen: „Kaum war ein Haus, in dem man Gott dienen konnte errichtet; so war man hier auch schon darauf bedacht, wie man dem Vaterland nützlich seyn möchte. Es wurden da Schulen errichtet, in denen die Jünglinge von der ersten Jugend an Unterricht in den Wissenschaften erhielten. Es traten mit der Zeit Männer aus diesen Schulen hervor, die sich um die Gelehrsamkeit ganz besonders verdient gemacht haben... Mit den Wissenschaften, mit der guten Ordnung und Klosterzucht verbreitete sich der Ruhm Sankt Blasiens auch in die Ferne.“

Mit Pierre Michel d'Ixnard konnte der Fürstabt einen berühmten Schlossbaumeister für sein Projekt gewinnen, wonach die neue Klosterkirche nach keinem geringeren Vorbild als „dem Muster der rotonda zu Rom“ erbaut werden sollte – denn Gerbert war Rompilger und hatte wie Generationen vor ihm – und auch nach ihm – die ebenso beseelte wie elegante Harmonie der Pantheon-Kuppel bewundern dürfen. D'Ixnard als gebürtiger Franzose ließ sich seinerseits wohl insbesondere vom Pariser Invalidendom und dessen imposantem Gewölbe inspirieren.

Es dauerte kaum fünfzehn Jahre bis zur Neueinweihung der Klosterkirche in der Gestalt, wie wir sie heute vor uns sehen. Der Rundbau ist ein frühklassizistisches Kleinod und reiht sich mit seinen 63 Metern Höhe und 36 Metern im Durchmesser unter die größten Bauten dieser Art in ganz Europa ein, und zwar nach dem Pantheon (43 Meter) und Sankt Peter (42,5 Meter) in Rom sowie dem Dom in Florenz (42 Meter) und noch vor St. Pauls Cathedral in London (34 Meter), der Hagia Sophia in Istanbul (32 Meter) und dem Pariser Invalidendom (28 Meter).

Die Einweihungsfeierlichkeiten mit Lob- und Dankopfern dauerten acht Tage, während der nicht nur Massenfirmungen durchgeführt, sondern auch rund dreitausend Kindern die Hände durch den anwesenden Fürstbischof aufgelegt wurden, zudem wurde ein vollkommener Ablass gewährt. Es waren wohl recht gute Zeiten, in denen Großbauprojekte noch gelangen – vielleicht auch darum, weil Fürstabt Martin Gerbert sich zunächst um den Beistand der Heiligen sorgte, bevor er seinen Kirchenneubau in den Himmel wachsen ließ.

Wer als Tourist kommt, wird voller Staunen sein über dieses Ensemble mit seiner beeindruckenden Kuppel, auf der auch heute noch der goldene Apfel mit dem Kreuz bezeugt, dass Sankt Blasien einst eine Reichsabtei war. Wer als gläubiger Pilger kommt, wird einmal mehr davon beeindruckt sein, welche zivilisationsschaffende Kraft sich noch im achtzehnten Jahrhundert aus dem benediktinischen Mönchtum entfaltete, an Sigemar und seine schlichte Klause aus Holz und Lehm denken, die den Anfang der Geschichte Sankt Blasiens im neunten Jahrhundert markiert.

Möglicherweise gibt es keine besseren kommentierenden Worte als diese, wiederum aus der Festschrift zur Einweihung, aus der bereits zitiert wurde: „Wir berufen uns nur auf das Urtheil unparteilicher Kenner, wenn wir diesem noch beyfügen, daß das Einfach mit dem Dauerhaften vereinet, die Kunst mit dem guten Geschmacke, den man von dem Alterthum borgte, gepaaret in diesem prächtigen Tempel sich auszeichnen.“

Das zwanzigste Jahrhundert beschied Sankt Blasien, das zwischenzeitlich auch zu einem renommierten Kurort aufgestiegen war, ein wechselvolles Schicksal. Doch auch heute noch verfügt es mit seiner prächtigen Kuppelkirche über ein architektonisches Erbe, dessen geistigen Fundamente in Athen, Jerusalem und Rom gründen.

Auch als Zentrum der Gelehrsamkeit besteht seine Geschichte fort: Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist dort ein Kolleg mit Internat untergebracht, unterrichten dort Jesuitenpatres, im letzten Jahr besuchten fast achthundert Schüler die Lehranstalt – und wird dort insbesondere auch das Andenken an die widerständigen Patres Alois Grimm und Alfred Delp bewahrt.

Wer Sankt Blasiens Geschichte kennt und einmal unter der Kuppel seines wunderbaren Doms stand, wird sich dafür kaum einen besseren Ort vorstellen können.


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