VATICAN-magazin

Die pilgernde Redaktionskonferenz

Von Mahl zu Mahl

Heute: Zia Rilla
Via Famagosta,18
00192 Rom
Tel.: (0039) 06 / 948 904 18-21

Sie erinnern sich: Wir waren auf dem Weg zur „Tante Rilla“, als wir beim letzten Mal beim Chinesen um die Ecke landeten. Diesmal sollte uns keine Großmacht der Welt von unserem Plan mehr abhalten.

Doch richtig erwartet wurden wir deshalb nicht. Tante Rilla war nicht da, die uns vor Wochen einmal durch das Fenster so schöne Augen gemacht hatte, und der Koch kümmerte sich in dem kleinen leeren Lokal jetzt zuerst einmal um das Anliegen von zwei Gästen im Aufbruch, bevor er sich an unseren Tisch bewegte. Alles sei hier selbstgemacht, beteuerte er, jede Pasta, jeder Pudding, alles. Auch die Karte ändere sich jeden Tag. Trotzdem bestellen wir dann normale Spaghetti all'amatriciana (für den Chef) und Teigtaschen mit frittierten Kürbisblüten für den Herausgeber, der seinen letzten runden Geburtstag immer noch in Festwochen umzuwandeln versucht. Vorher aber werden als Avanti-pasto vier rohe Lachsscheibchen mit Senfsauce brüderlich geteilt, nicht sehr kompliziert, trotzdem fein. Doch dann fangen die Probleme an. Unsere geplante Titelgeschichte über China ist geplatzt, weil der viel beflüsterte Deal zwischen Peking und dem Heiligen Stuhl noch nicht gar und durchsichtig genug ist, um ihn unseren Leserinnen und Lesern gescheit darstellen zu können. Die Geschicht‘ muss deshalb in den Marienmonat Mai geschoben werden, unter das Patrozinium Unserer Lieben Frau von Sheshan – und darauf können wir schon alle gespannt sein. Doch was machen wir jetzt? Vielleicht einen Titel in Erinnerung an die „Revolution“ von 1968 vor fünfzig Jahren, als die Studenten von Paris, Berlin, Rom und Berkeley auf die Straße gingen, „weil ihnen der Orangensaft in der Mensa nicht gelb genug war“, wie der irre Klaus Kinski in einem seiner lichten Momente einmal erkannt hat? Unsinn. Für diesen Trug muss in diesem Heft ein Foto genügen.

Auf dem Titel wollen wir stattdessen endlich und mit „Osteraugen“ den 18. April 2005 noch einmal neu beäugen, als Joseph Ratzinger in seiner Rede zum vorletzten Konklave weniger die „Diktatur des Relativismus“ beklagte, als vielmehr „voller Freude ein Jahr der göttlichen Barmherzigkeit“ ausrief – bevor er danach in seinem eigenen Pontifikat, das einen Tag später begann, das menschliche Gesicht Gottes wieder neu für die Welt entdeckte. Dafür und für die großen Ikonen, mit denen der halbblinde Seher auf dem Heiligen Stuhl über alle Brüche der digitalen Revolution hinweg an uns vorbei in die Geschichte eingehen wird, kann China diesmal gerne warten. Dafür heben wir auch in der Fastenzeit gern noch einmal das Glas auf Benedikt und Franz – und auf die Einskommazweioderdrei Milliarden Chinesen, die sich hoffentlich bald ganz und gar zum auferstandenen Herrn und seiner Mutter bekehren, zum Segen für Amerika, Russland und die ganze Welt. Als wir das so weit geklärt haben, wenden wir uns der Pasta zu. Auch fein und wie sie sein soll. Doch was sagt der Dichter? „Die Erfüllungen lohnen die Erwartungen oft nicht.“ (Heinrich Mann, Henri IV.) Stimmt. Doch halt! Am schönsten sind ja überhaupt die Erfüllungen ohne alle Erwartungen! Wie unser Leben, wie unser herrlicher Glaube mit all seinen Gnadengaben, die Gemeinschaft der Heiligen und Sünder seit dem Urknall der Menschwerdung Gottes. All dies war ja überhaupt nicht zu erwarten, sondern kann nur als pure Gnade begriffen werden, wie die Existenz unseres Magzins im allgemeinen und dieses Hefts (und eines unverkäuflichen Sonderhefts dazwischen) im besonderen, mit der Entdeckung des armenischen Kirchenlehrers Krikor Naregatsi durch Herbert Maurer und seines heilenden Hauptwerks aus dem zehnten Jahrhundert, das „mehr geküsst als gelesen“ wurde. So stellen wir uns gern auch einmal unser Hauptwerk vor, doch wollen es gar nicht erst extra erwarten, um nicht dem Dichter mit seinem Wort über die Erfüllungen wieder einmal Recht zu geben.

Zum Nachtisch Creme Caramel, Caffè, eine Kippe vor der Tür für den Chef sowie „eine Träne und einen Tropfen“ Magenbitter des Hauses (una lacrima e una goccia) zu einem Stoßgebet für den fein freisinnigen Panzerkollegen, der auf der website der deutschen Bischofskonferenz gerade versucht hat, das gruselige Gespenst des Panzerkardinals aus der Gruft der 68er noch einmal wachzuküssen und wiederzubeleben. Wohl bekomm’s und venceremos!


Sie lesen die Vorschau

e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

print + e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein Printabo ab mit E-Paper-Zugriff auf alle Artikel.

Abonnieren

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen

Sie lesen die Vorschau

abonnieren

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

einloggen

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen