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Es gibt kaum ein so sensibles Thema in der Kirche wie die Gestaltung des Gottesdienstes, insbesondere was die würdige Feier der heiligen Messe betrifft. Auf der einen Seite sind die liturgischen Normen einzuhalten. Die Gründe hierfür liegen darin, dass die Einheit der Kirche auf dem Spiel steht, wenn man von ihnen abweicht. Zudem bedarf es der Approbation der liturgischen Texte durch das Lehramt, um deren theologische Zuverlässigkeit zu prüfen. Auf der anderen Seite räumt die Ordnung an diversen Stellen der heiligen Feier durchaus Spielräume ein, die der konkreten pastoralen Situation vor Ort gerecht werden.

Diese Freiräume reichen einigen Seelsorgern offensichtlich nicht aus. Die Folgen sind mitunter zerstörerisch: Die Hochgebete werden bis zur Unkenntlichkeit verändert. Manch ein Priester liest die Messe nur noch aus seiner eigens dafür angefertigten liturgischen „Kladde“. Das groteskeste Beispiel, was ich in diesem Zusammenhang in meiner Heimatdiözese erlebt habe, war die Erwähnung des Urknalls und der Dinosaurier als Ausdruck der Dankbarkeit für die Schöpfung vor den Wandlungsworten. Manch einer scheut nicht davor zurück, selbst diese zu ändern. Der Embolismus („Erlöse uns Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen…“) nach dem „Vater Unser“ wird in vielen Gemeinden nicht mehr gebetet, oft aus einer falschen ökumenischen Rücksicht heraus. Ein Kaplan erzählte mir vor einiger Zeit, dass sein leitender Pfarrer ihm gesagt habe, dass er zwar die Hochgebete – wenn es sein müsse – nehmen dürfe, aber wenn er den Embolismus beten würde, könne er sich eine neue Stelle suchen. Dann die vielen Missbräuche, die sich wie ein Krebsgeschwür um die Kommunionausteilung ausbreiten: Einsatz von Kommunionhelfern, obwohl gar nicht nötig, fast überall fehlt die Patene und das Eintauchen der konsekrierten Hostie durch den Laien bei der Kelchkommunion sind hier nur einige Beispiele.

Folgende Beispiele seien noch genannt, die die Würde des Allerheiligsten Altarsakramentes schwer verletzen: die Konsekration des Weines in einer Glaskanne, um dann das Blut des Herrn in sogenannte Einzelkelche zu schütten; die Verwendung unwürdiger Gefäße (Tonschalen usw.) oder das Konsekrieren von frisch gebackenem Brot mit der Folge, dass die Partikel in klar sichtbarer Form verlustig gehen. All dies habe ich in der Vergangenheit schon selber erleben müssen. Ich könnte die Liste noch mit etlichen Beispielen fortführen.

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Wenn der Altarbereich zur Tanzfläche...

Was kann man dagegen tun? Ich selber war immer der Auffassung, dass man zunächst mit dem Priester unter vier Augen reden sollte und ihn darum bittet, die liturgischen Normen der Kirche einzuhalten. Aber da kam dann schnell die Ernüchterung. Die Reaktionen waren schon in folgender Richtung stereotyp: „Wir sind doch keine Gesetzesreligion!“ oder „Sie müssen doch verstehen, dass ich das nicht ändern kann, meine Vorgänger haben dies auch so gemacht.“ Und: „Sie müssen sich mal aus Ihrer Enge befreien und ein freier Christenmensch werden!“ oder „Wenn Sie das schon in Ihrem Glauben verunsichert, ist das Ihr Problem.“ Auch diese Sätze habe ich von verschiedenen Priestern schon hören müssen.

Nun, was kann man dann tun: Die Beschwerde beim Bischof! Zunächst bekommt man keine Reaktion. Aussitzen scheint angesagt. Dann erhält man, wenn man Glück hat, nach Wochen eine Eingangsbestätigung. In einem Beschwerdefall habe ich immerhin eine – allerdings ausweichende – Antwort erhalten. Eine weitere Beschwerde wurde mit fadenscheiniger Argumentation gar nicht ernst genommen und abgelehnt. Auf die von mir vorgetragenen Normenverstöße wurde in beiden Verfahren überhaupt nicht eingegangen. Inzwischen sind wir mit unserer Familie umgezogen. Gott sei Dank haben wir in einer Benediktinerabtei in der näheren Umgebung die Gelegenheit, die heilige Messe in Übereinstimmung mit den liturgischen Normen mitfeiern zu können.

In meiner neuen Wohnortgemeinde können wir wegen diverser schwerwiegender liturgischer Missbräuche die Sonntagsmesse auch wieder nicht besuchen. Den zuständigen Pfarrer habe ich versucht, auf diese Missstände direkt anzusprechen, aber mangels Einsicht meines Gegenübers ohne Erfolg. Nach einigen weiteren schriftlichen Eingaben zur örtlichen Situation beim Bischof bekam ich nach längerer Zeit einen Brief der bischöflichen Behörde, in dem man mir in allgemeiner Form versicherte, meine Beschwerden ernst zu nehmen: In diesem Schreiben wurde mir dann erklärt, dass man mit Härte in solchen Fällen nur selten weiter käme. Der Bischof könne in der Regel nicht in die Gemeinde hineinregieren. Dann das für mich ernüchternde Fazit der bischöflichen Behörde: „Deshalb bitten wir Sie nicht, die Dinge einfach zu ertragen, sondern, wie Sie es auch schon tun, mit Beten und Betteln zu verbessern.“ Im Klartext: Vor Ort ändert sich nichts. Aus meiner Sicht ein klarer Fall von einer offenkundig ohnmächtigen Bankrotterklärung der zuständigen kirchlichen Autorität.

Und dann gibt es noch Rom, wie man als treuer Katholik meint: Ja, in zwei Verfahren habe ich auch das versucht, nachdem die Diözese an den monierten Zuständen offensichtlich nichts änderte. Immerhin habe ich unter dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. noch eine Empfangsbestätigung meiner Beschwerde durch die zuständige Kongregation für Gottesdienst und Liturgie erhalten. Bei meiner letzten Beschwerde kam gar keine Reaktion mehr. Da war ich dann hartnäckig und nahm den Telefonhörer in die Hand. Die „Ansage“ des zuständigen Mitarbeiters in der Liturgiekongregation war folgende: „Wir sind hier nicht die Polizei!“ Der Tonfall war alles andere als freundlich. Folge: Dann musst Du wohl mit diesem Schlamassel leben, Ende der Odyssee durch den kirchlichen Behördendschungel; jeden Sonntag mit dem Auto unterwegs und auf der Suche nach einer Liturgie ohne Missbräuche; aufs Jahr gesehen hunderte von Kilometern, um seine Christenpflicht am Sonntag erfüllen zu können. Wie wird das erst werden, wenn man mal nicht mehr so mobil ist? Weitere Fragen und Sorgen kommen auf.

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... oder die liturgische Feier zum Stuhlkreis wird.

Und eines ist klar: Diese Schilderung ist kein Einzelerlebnis eines notorischen Querulanten. (Dass ich ein solcher nicht sei, hat mir das Bistum immerhin in dem oben zuletzt erwähnten Brief auch Schwarz auf Weiß bestätigt…) Wenn man die Gesprächssendungen auf K-TV oder bei RADIO HOREB verfolgt, ist genau dieses Problem eines der meist angesprochenen Themen, die verzweifelte Gläubige aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet vortragen. Überall scheint diese „Seuche“ die Kirche zu befallen. Auch in den Gesprächssendungen der inzwischen leider verstorbenen Mutter Angelica auf EWTN kam dieses Thema immer wieder aufs Tableau. Und ihre Reaktion: „Wenn ihr so was in eurer Pfarrei erlebt, verlasst das Kirchengebäude. Tut euch das nicht an. Verletzt eure Seele nicht. Verletzt die Einheit der heiligen Kirche nicht. Verletzt nicht die Gott gebührende Ehrfurcht. Geht besser nach Hause und betet dort den Rosenkranz.“ Das ist die Antwort einer Frau, die im Rufe der Heiligkeit von uns ging.

Inzwischen kenne ich viele Katholiken, die mir persönlich über ihre schlimmen Erfahrungen in ihren Gemeinden berichten. Grund hierfür sind wohl einige Artikel, die ich schon früher woanders zu diesem Thema geschrieben habe. Auch Priester melden sich bei mir: Neulich ein Pfarrer, der in ein Pastoralteam versetzt wurde und dort gemobbt wird, weil er sich an die liturgischen Normen ohne Ausnahme halten will. Ein anderer Priester berichtete mir, dass er seinen Bischof gebeten habe, ihn nicht in ein Pastoralteam der Diözese zu versetzen, da er dort befürchte, zum liturgischen Missbrauch gezwungen zu werden. Wir sprechen hier von einem sehr traurigen Thema. Wir sprechen nicht bloß von Gesetzesverstößen. Nein wir reden über Verletzungen, die vielen Menschen in der Kirche seit Jahrzehnten auf dem Feld der Liturgie zugefügt werden.

Kein Geringerer als der heilige Papst Johannes Paul II. hat am Ende seines Pontifikates diese Gefahr klar erkannt und so in seiner Enzyklika über die Eucharistie mit Sorge und großem Schmerz zum Ausdruck gebracht: „Leider ist zu beklagen, dass es – vor allem seit den Jahren der nachkonziliaren Liturgiereform – infolge einer falsch verstandenen Auffassung von Kreativität und Anpassung nicht an Missbräuchen gefehlt hat, die Leiden für viele verursacht haben. Insbesondere in einigen Gebieten hat eine gewisse Gegenbewegung zum ,Formalismus’ manche dazu verleitet, die von der großen liturgischen Tradition der Kirche und von ihrem Lehramt gewählten ,Formen’ für nicht verbindlich zu erachten und nicht autorisierte und oft völlig unpassende Neuerungen einzuführen. Ich verspüre deshalb die Pflicht, einen innigen Appell auszusprechen, dass die liturgischen Normen in der Eucharistiefeier mit großer Treue befolgt werden. Sie sind ein konkreter Ausdruck der authentischen Kirchlichkeit der Eucharistie; das ist ihr tiefster Sinn. Die Liturgie ist niemals Privatbesitz von irgendjemandem, weder vom Zelebranten noch von der Gemeinde, in der die Mysterien gefeiert werden. Der Apostel Paulus musste scharfe Worte an die Gemeinde von Korinth richten wegen der schwerwiegenden Mängel in ihren Eucharistiefeiern, die zu Spaltungen (skísmata) und Fraktionsbildungen (hairéseis) geführt hatten (vgl. 1 Kor 11, 17–34). Auch in unserer Zeit muss der Gehorsam gegenüber den liturgischen Normen wiederentdeckt und als Spiegel und Zeugnis der einen und universalen Kirche, die in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig wird, geschätzt werden. Der Priester, der die heilige Messe getreu nach den liturgischen Normen feiert, und die Gemeinde, die sich diesen Normen anpasst, bekunden schweigend und doch beredt ihre Liebe zur Kirche. Um diesen tiefen Sinn der liturgischen Normen zu bekräftigen, habe ich die zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie beauftragt, ein eigenes Dokument – auch mit Hinweisen rechtlicher Natur – zu diesem Thema von so großer Bedeutung vorzubereiten. Niemand darf das Mysterium unterbewerten, das unseren Händen anvertraut wurde: Es ist zu groß, als dass sich irgendjemand erlauben könnte, nach persönlichem Gutdünken damit umzugehen, ohne seinen sakralen Charakter und seine universale Dimension zu achten.“ (Ecclesia de Eucharistia, Nr. 52).

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Missbräuche sind immer wieder auch bei der Kommunionsausteilung trauriger Alltag.

Das ist eine schonungslose Analyse. Im Gefolge der Enzyklika wurde mit „Redemptionis Sacramentum“ im Jahr 2004 die entsprechende Instruktion in Kraft gesetzt, die jedem Gläubigen das Recht zuerkennt, sich bei der kirchlichen Obrigkeit über die ihm wiederfahrenden Missbräuche zu beschweren. Was nützt allerdings ein solches Dokument, wenn es in der Rechtspraxis der Kirche wie ein „Rohrkrepierer“ behandelt wird? Durch diese Ignoranz ist Johannes Paul II. ein weiteres Mal bestattet worden. Man will von diesem Erbe an dieser Stelle offenbar nichts mehr hören. Schon beim Inkrafttreten der Instruktion mutmaßte man damals in Kirchenkreisen, dass nun ein Denunziantentum aufkomme. Von Anfang an war gerade dieses römische Dokument den bischöflichen Behörden in Deutschland ein Dorn im Auge.

Was ist nun zu tun? Ich bitte die Bischöfe, sich dieses Themas mit mehr Tatendrang als bisher anzunehmen. Folgende Mittel sehe ich hier vor der dienstrechtlichen Sanktion: Ein Fastenhirtenbrief zum Thema der würdigen Liturgie und das Abhalten eines Priestertages, auf dem die Wichtigkeit der Einhaltung liturgischer Normen den Priestern eingeschärft wird. Zudem sollte man mehr Wert auf eine gute liturgische Ausbildung der Priester legen. Wenn all dies nicht nützt, muss hineinregiert werden. Der Bischof darf kein „Wegseher“ sein, er ist dann als episkopos, als Aufseher, gefordert, die Einhaltung der liturgischen Normen sicherzustellen. Tut er dies nicht, kommt es zu den vom heiligen Johannes Paul II. beschriebenen Verwerfungen. Das Erbe dieses großen Papstes gilt es, gerade in diesem Zusammenhang zu bewahren. Denn eines ist klar: Ein „Weiter so“ in dieser Sache führt zu noch mehr Verletzungen der Gläubigen und zu noch mehr Autoritätsverlust gegenüber den Hirten. Das ist nicht im Sinne dessen, der uns die heilige Eucharistie geschenkt hat.


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