VATICAN-magazin

Editorial

Wo die Kirche blüht

von Guido Horst

In Rom haben die Spitzenvertreter aller Bischofskonferenzen der Welt getagt. Mit Delegierten der Ordensvereinigungen und Kardinälen der Kurie – und mit dem Papst. Fast eine kleine Synode, oder vielleicht sogar mehr: Das Medieninteresse war so groß wie seit dem letzten Konklave nicht mehr. Für vier Tage gehörten die Straßen um den Vatikan herum Kamerateams und Journalisten. Jedes Kind in der Welt, jeder, der regelmäßig eintaucht in den täglichen Nachrichtenfluss, nicht nur Christen, sondern Menschen in allen Ländern unabhängig von ihrer Religion, wissen jetzt, dass das Wort „katholische Kirche“ mit einem anderen Wort auf fatale Weise verbunden ist: „Missbrauch“.

Egal, ob es Rom und dem Weltepiskopat gelingen wird, das Ruder herumzureißen und in ihren Reihen die Plage der sexuellen Übergriffe auf Schutzbefohlene auszumerzen – der Effekt der Missbrauchskrise, die sich im vergangenen Jahr nochmals zugespitzt hat, ist fürchterlich: Die Untaten einiger, leider nicht weniger, haben dafür gesorgt, dass das Ansehen der Kirche auf dramatische Weise gelitten hat. Überall werden Eltern misstrauisch sein, werden sich genau überlegen, ob sie ihre Kinder der Obhut von Geistlichen oder einer kirchlichen Institution überlassen können. Jugendliche werden die Herren mit Priesterkragen oder im Ordensgewand genau beobachten, ob sie ihnen trauen können. Übertrieben? Immerhin konnte man in früheren Zeiten, wenn eine kirchenfeindliche Rhetorik das Wort „Kirche“ mit den Worten „Hexenverfolgung“, „Kreuzzüge“ oder „Bluttaufe“ gleichsetzen wollte, mit Argumenten und Fakten der Geschichte dagegenhalten. Das kann man jetzt nicht. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache.

Und Streit gibt es bereits über die Wege, wie die große Kirchenkrise des 21. Jahrhunderts zu überwinden ist. In Deutschland denken auch Bischöfe laut darüber nach, der Missbrauchskrise mit der Abschaffung des Zölibats und der Frauenweihe gegensteuern zu wollen. Das wäre dann das Ende der katholischen Kircheneinheit. Wozu der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer lapidar bemerkte: „Ein Zerfallen der Kirche wäre schade“. Das ist derselbe Hirte, der sich vor nicht langer Zeit zu dem fatalen Satz verstieg: „Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche.“ Solche verbalen Einschläge klingen wie das dumpfe Dröhnen der Trommeln des Untergangs.

Mit dieser Ausgabe beginnt unser Magazin mit einer losen Folge von Beiträgen über das Stift Heiligenkreuz und die größte Priesterausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum, die der Zisterzienserorden dort, im Wienerwald, aufgebaut hat. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser, genauer hinzuschauen. Heiligenkreuz steht für viele geistliche Zentren in der Kirche, in denen das katholische Leben blüht. Warum ist das so? Eine gesunde Theologie, geistliches Leben – gemeinsam wie privat –, Seelenführung, eine ordentliche Liturgie, und zwar nach ordentlichen Ritus der Kirche, keine Angst vor Frömmigkeit und spiritueller Disziplin. Schließlich noch: die kluge Auswahl der geeigneten Kandidaten für ein Leben im Ordens- und Priesterstand. Heiligenkreuz ist nicht der einzige Ort, aus dem die Kirche Kraft bezieht. Aber er lebt es exemplarisch vor. Und solange es solche Orte gibt, die man besuchen, anfassen und wo man den Heiligen Geist wirken sehen kann, darf man die Hoffnung nicht fahren lassen, auch wenn es eine tiefschwarze Stunde ist, die das Schiff der Kirche derzeit durchreuzt.


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